Ackerstraße, Stadtteil Mitte – irgendwie typisch Berlin hier. Eine Mischung aus saniert und halbverfallen, aus Mainstream und Fast-Underground, halb der Vergangenheit verhaftet, halb im Aufbruch begriffen. So gesehen ist die wildberankte Hausnummer 168 prototypisch für diese Ecke in der Mitte Berlins. In den Erdgeschoss-Räumlichkeiten trifft sich sonst der „Club der polnischen Versager“, eine „Plattform für analoge Kommunikation, eine Versuchsanordnung für alle Willigen“ – irgendwie typisch Berlin. Von Anfang August bis zum 23. September übernehmen aber alles andere als Versager den „CPV“, sondern eines der erfolgreichsten Start-up-Unternehmen der Kaffeebranche: Der Coffee Circle lädt in die temporäre „Coffee Academy“ und will dort „das Who is Who der Kaffeewelt“ vereinen. Eingeladen sind vom Einsteiger bis zum Coffee Nerd alle Kaffeeliebhaber, um sich selbst am Siebträger zu probieren, unter Anleitung Latte Art zu gießen, an der Brew Bar mit Filteraufguss, Syphon und Aeropress zu experimentieren – oder einfach nur auf einen direkt gehandelten äthiopischen Kaffee aus der Range des Coffee Circle vorbeizukommen. Zahlreiche Workshops, vom Rösten über die Zubereitung bis hin zum Cupping, komplettieren das Angebot des Pop-Up-Projektes.
„Mit diesem akademischen Ansatz wollen wir unseren Kunden und auch allen anderen unsere Kaffees und die Idee des Coffee Circle insgesamt näherbringen“, erzählt Martin Elwert, der gemeinsam mit Robert Rudnick und Moritz Waldstein im Dezember 2010 das E-Commerce-Unternehmen gegründet hat. Wie es das reine Internet-Geschäft mit sich bringt, weiß der Anbieter häufig nicht allzu viel über seine Kunden, insofern ist der Weg an die Öffentlichkeit auch für die Coffee-Circler ein aufschlussreicher. „Wir dachten anfangs, unsere Kunden wären vor allem die Besserverdiener, die sogenannten Lohas, das stimmt aber offensichtlich nicht. Wir haben unter unseren rund 1.000 Stammkunden sehr viele Studenten und auch Leute aus dem ländlichen Bereich“, zeigt sich Martin Elwert überrascht. Und jenen Kunden sei es sehr wichtig zu wissen, was mit ihrem Geld passiert.

Der Ansatz - direkt, sozial, nachhaltig
„Pionier einer neuen Art des Handels, direkt, sozial, nachhaltig“ – dies sind Schlagworte, mit denen der Coffee Circle sein Tun beschreibt. In der Tat ist der Ansatz der drei Jungunternehmer im Kaffee-Business immer noch recht einzigartig. Sie suchen jedes Jahr in Äthiopien Spitzenkaffees der aktuellen Ernte aus und beziehen diese im Direkthandel zu Preisen deutlich über dem Weltmarktpreis. Gleichzeitig setzt Coffee Circle gemeinsam mit den Kaffeebauern Projekte in den Bereichen Bildung und Gesundheit um, die die Zukunftschancen der Menschen verbessern. Diese Projekte werden mit einem Euro pro verkauftem Kilo Kaffee finanziert. Jeder Online-Käufer kann zudem per Mausklick darüber entscheiden, in welches Projekt sein Geld fließen soll. Der Fortgang dieser Maßnahmen, ob Schul- oder Brunnenbau, wird in Wort und Bild auf der Website des Coffee Circle dokumentiert. Und so erschließt sich auch der Name – durch den „Spenden-Euro“ wird quasi der Kreis zwischen Kaffeebauern und Konsumenten geschlossen, die volle Transparenz geschaffen. 2011 sind auf diese Weise rund 10.000 Euro in Projekte geflossen, im laufenden Jahr sollen insgesamt 50 Tonnen Kaffee verkauft werden, was einer Spendensumme von 50.000 Euro entsprechen würde. Das Langfristziel heißt 1.000 Tonnen oder eine Million Euro.
Von Äthiopien nach Berlin, von Kaffee-Waldgärten ins Internet – ein weiter Weg. Den Anstoß zum eigenen E-Commerce-Unternehmen gab ein freiwilliges soziales Jahr, das der Bruder des Circle-Gründers Moritz Waldstein in Äthiopien absolvierte. Moritz Waldstein realisierte 2007 dann sein erstes eigenes Projekt in Äthiopien: den Bau einer Schule für Waisenmädchen in Addis Abeba. Zur Schuleröffnung 2009 packten er und Martin Elwert mit an und ergründeten dabei das „Kaffeeland“ Äthiopien. Auf der Suche nach einem Ansatz, dem Land auch längerfristig zu helfen, bot sich der Kaffee als exportfähiges Gut an. Die Idee war geboren, doch der Weg noch weit. „Zu Beginn hatten wir nicht viel Ahnung vom Kaffee“, sagt Martin Elwert, „wir mussten uns erst in das Thema reinleben“. Heute, gut eindreiviertel Jahre nach Gründung, sieht das anders aus. Wenn sie in Äthiopien sind, um die neuen Ernten zu begutachten, tun sie das nicht selten zeitgleich mit einigen der besten Röstereien weltweit, etwa Stumptown aus den USA oder Square Mile aus UK. Ihr Limu-Kaffee gehört zu den besten fünf in Äthiopien verkosteten Kaffees des Jahres 2011. Auf der diesjährigen Fachmesse „World of Coffee“ in Wien, flankierend zur Barista-Weltmeisterschaft, erhielten sie von der SCAE den Preis als Jungunternehmer des Jahres 2012.

Coffee Circle und die Unabhängigkeit
Credibility also hinreichend unter Beweis gestellt? Nicht für alle, so scheint es. Als die Macher anlässlich der Eröffnung ihres Pop-up-Cafés eine Kreidetafel vor der Tür augenzwinkernd mit den Worten beschriften „temporär das beste Café der Welt“, müssen sie sich via Facebook schnippische Kommentare aus der Kaffee-Szene hinsichtlich ihrer Röstungen und ihres BWL-Hintergrundes anhören. Einigen unter den Kaffee-Idealisten dürfte auch die Tatsache sauer aufstoßen, dass Mitte 2011 der Einzelhandelsriese Tengelmann via Kapitalerhöhung mit rund 30 Prozent Anteil bei Coffee Circle eingestiegen ist, nach Lieferheld, dem Fleischversender Otto Gourmet und der Spezialitäten-Webseite Enólogos übrigens das vierte nahrungsorientierte Internet-Investment von Tengelmann. Für die einen Kratzer im so unabhängig wirkenden Markenbild von Coffee Circle, für die anderen eine willkommene Geldspritze, um noch mehr Menschen von der Idee und dem Kaffee zu überzeugen und Geld für soziale Projekte in Äthiopien zu sammeln.
Die Zukunft
Wachstum steht also fest auf der Agenda von Moritz Waldstein, Martin Elwert, Robert Rudnick und ihren rund 15 Mitarbeitern. Was noch? Bislang lassen sie ihre Kaffees in der Hamburger Rösterei Speicherstadt rösten; das selbst in die Hand zu nehmen, um sich noch intensiver mit dem Kaffee auseinanderzusetzen, ist ein mittelfristiges Ziel. Im Rahmen der Coffee Academy haben sie sich bereits an der Röstung der Spezialitätenkaffees Limu und Sidamo probiert. Und langfristig? „Wir möchten unsere Kaffees gerne in Äthiopien rösten, sobald wir in Europa genug Kaffee verkaufen, um diese Hürde nehmen zu können. So würden die Menschen dort stärker von ihrem Produkt profitieren und besser bezahlte Jobs ausüben können.“ Und auch eine Ausweitung der Aktivitäten über Äthiopien hinaus kann sich Martin Elwert grundsätzlich vorstellen. Ruanda zum Beispiel ist nicht weit und hat eine Kaffeetradition.
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