Im Fokus: 5 Whisk(e)y-Trends

Im Fokus: 5 Whisk(e)y-Trends

Es könnte ein goldenes Zeitalter für Whisk(e)y werden, denn der eigene Erfolg zwingt die Produzenten mehr denn je zur Innovation. 2015 wird spannend.

Text: Alexander Thürer

Als Ende letzten Jahres Jim Murray die neueste Auflage seiner Whisky Bible präsentierte, ging ein Raunen durch die Whisky-Welt, mussten sich die einst so stolzen Schotten doch einem Japaner! geschlagen geben. Der Yamazaki Single Malt Sherry Cask 2013 erreichte bei Murray 97,5 von möglichen 100 Punkten und avancierte zum vermeintlich besten Whisky der Welt. Doch damit nicht genug, auf den Plätzen folgten mit William Larue Weller 2013 Bourbon, Sazerac Rye 18 Years und dem Four Roses Single Barrel Limited Edition drei amerikanische Bourbons, kein Schotte schaffte es unter die Top Five. Eine Momentaufnahme, die tief blicken lässt, auch wenn Master Distiller wie John Campbell (Laphroaig) das Ergebnis noch als Einschätzung eines einzelnen Mannes abtun.

Aber was bleibt ihnen auch anderes übrig, angesichts der harschen Kritik von Murray. Mehr Demut täte den Schotten gut, es mangele ihnen an Komplexität und Tiefgang. Murray geht in seinem Leitartikel sogar soweit, eine Rückkehr zu den Wurzeln zu fordern – und legt damit den Finger in eine offene Wunde. Schottische Single Malts mussten sich zwangsläufig weiterentwickeln, denn wer hätte vor zehn, fünfzehn Jahren schon ahnen können, dass die Nachfrage nach Single Malts dermaßen explodiert? Versäumnisse der Vergangenheit, wenn man es denn so nennen will, lassen sich bei Whisky aber nicht so leicht ausbügeln. Reifezeit ist das „A und O“, kurzfristiges Nachproduzieren ist unmöglich, und ein Schotte, der weniger als 10 Jahre im Fass lag und dies auf dem Etikett kund tut, ist – bis auf wenige Ausnahmen bei Vintage-Qualitäten – praktisch unverkäuflich.

 

 

Trend 1: Einsteiger und NAS-WhiskysArdmore Legacy, Connemara, Jameson, Laphroaig, Machrie Moor, Tullamore Dew

Damit offenbart sich das Kernproblem des Erfolgs: Viele Destillate in den schottischen Warehouses sind noch recht jung und die Lagerbestände alter Qualitäten werden immer knapper. Eine Problematik, die selbst Marken wie Dimple dazu zwingt, einen Klassiker wie den 15-Jährigen vom Markt zu nehmen und dauerhaft durch den Dimple Golden Selection ohne jedes Age Statement zu ersetzen. Ein geradezu symbolhafter Fall, der aber auch die clevere Antwort der Hersteller auf dieses Problem anschaulich demonstriert: Mit klangvoll benamten, aber in der Regel jüngeren NAS-Whiskys und einer netten Begleitstory drum herum, wird versucht, die nach Whisky schreiende Masse zu befriedigen. Dieser Trend ist schon seit einigen Jahren zu beobachten und eine geniale, wie einfache Lösung: der Druck auf die Lagerhäuser wird verringert und eine gute Portion Marketing gleicht den vermeintlichen Makel einer fehlenden Altersangabe aus, die traditionell für viele Kaufentscheidungen verantwortlich war.

Aber wie bei jeder Innovation scheiden sich auch hier die Geister. Vor allem arrivierte Whisky-Fans beklagen eine vermeintlich sinkende Whisky-Qualität und Schreckgespenster wie der Whisky Drift – also die Verminderung des Anteils älterer Destillate selbst in Whiskys mit Altersangabe – machen die Runde. Doch angesichts des wirtschaftlichen Erfolgs der Schotten scheint die Mehrheit der Verbraucher die neuen Geschmacksnuancen in den frischen Kreationen zu begrüßen. Kein Wunder, schließlich haben viele Destillateure längst die Chance erkannt, mit zugänglicheren Qualitäten neue Konsumenten zu erreichen, denen Whiskys – oder hier besondere Stile, wie z.B. die torfigen Islays – zuvor nicht wirklich lagen. Diese „Einsteiger-Whiskys“ haben das Potenzial, den Boom noch weiter zu befeuern und aktuelle Produktlaunches wie der Laphroaig Select, der Ardmore Legacy oder der Machrie Moor von Arran, belegen den Erfolg dieser Strategie. Traditionelle Einsteiger-Whiskys, allen voran Irish Whiskeys wie Jameson, Tullamore D.E.W. oder Connemara, dürften von diesem Trend ebenfalls kräftig profitieren.

 

Trend 2: Small Batch & Single Barrel Big Peat, Bowmore, Stronachie, The Balvenie

Betrachtet man sich neu gelaunchte Whiskys, so stößt man zudem regelmäßig auf Begriffe wie „Small Batch“ und „Single Barrel“, die besondere Qualität oder oftmals auch einen gewissen Raritätsstatus suggerieren. Diverse Marken schmücken sich derzeit mit solchen Abfüllungen, was auch nicht weiter

verwundert, umweht diese Bezeichnungen ja auch der Hauch des Handgemachten, des handwerklich Hergestellten – was unbestreitbar ein nach wie vor starker, branchenübergreifender Trend ist. Als aktuelle Beispiele, die dieses Thema fahren, taugen etwa die regelmäßig erscheinenden Editionen des Big Peat von Douglas Laing, die Small Batch Releases des 10- und des 18-jährigen Stronachie von A.D. Rattray, der Bowmore Small Batch oder die Single Barrel Range von The Balvenie. Doch die Schotten sind nicht die einzigen, die sich gerne mit einer gewissen Raritätsaura umgeben, auch die Bourbons halten mit. Allerdings bedeutet bei Bourbon „Small Batch“ nicht automatisch Limitierung, hier steht eher das Qualitätsversprechen im Vordergrund – ein Problem, mit dem American Whiskys vor allem hierzulande lange zu kämpfen hatten. Richtig, hatten! Denn der Ruf der Bourbons hat sich massiv verbessert – gerade beim Purgenuss.

 

Trend 3: Bourbon & Rye 1776 Rye, Rittenhouse, Evan Williams, Knob Creek, Taylor, Michter´s, Koval, Wild Turkey

So kommt der jüngste Erfolg der Bourbons in Jim Murray’s Whisky Bible nicht wirklich überraschend, denn die Amerikaner profitieren gerade massiv vom Craft Distillery-Boom, der die Kategorie mächtig nach vorne treibt. Mittlerweile gibt es in den USA an die 500 solcher Kleindestillerien, und deren neue Qualitäten beleben auch hierzulande den Markt für amerikanischen Whiskey und wecken das Interesse der Verbraucher, weshalb die Zahl der zuverlässig verfügbaren US-Whiskys stetig steigt. Interessante Vertreter sind etwa der Evan Williams Single Barrel 2003, die Qualitäten der Michter’s Distillery, die hauptsächlich Single Barrel- und Small Batch-Abfüllungen von Bourbons und Ryes bietet, oder die Whiskeys des Österreichers Robert Birnecker, der in Chicago in seiner Koval Destillerie viel mit verschiedenen Getreidearten experimentiert. Vor allem sind es aber die Rye-Whiskeys, die sich in Deutschland seit neuestem gestiegener Aufmerksamkeit erfreuen, befeuert von dem jahrelangen Verlangen der Bartender nach zuverlässigen Bezugsquellen.

Der Ruf wurde erhört und die Importeure haben geliefert. Marken wie Knob Creek, Wild Turkey, Rittenhouse, Bulleit oder 1776 konkurrieren nun mit ihren Ryes um die Plätze in den Bars. Regelmäßig mit dabei: das Small Batch oder Single Barrel-Qualitätsversprechen. Hinzu gesellt sich gelegentlich die typisch amerikanische Bezeichnung „Bottled in Bond“. Dies bedeutet nichts anderes, als dass der Whiskey bei mindestens 50 % Vol. abgefüllt und mindestens vier Jahre in Zolllagern unter staatlicher Aufsicht reifen muss, nur aus einer Destillations-Saison stammen sowie von nur einem einzigen Master Distiller hergestellt werden darf. Die Bezeichnung Bottled in Bond tragen z.B. der Rittenhouse Rye sowie der Rye Whiskey von Col. E.H. Taylor.

Elijah Craig, Jim Beam Signature Craft, Jim Beam Devil´sCut, Michter´s BourbonDoch die American Whiskeys haben noch weitere Trümpfe in der Hand: Sie schließen einerseits die Lücke, die die Schotten im Segment der Age-Statement-Whiskys teilweise geöffnet haben, denn auch Bourbons können Alter. So etwa der Jim Beam Signature Craft, ein 12-jähriger Small Batch Straight Bourbon, der Elijah Craig 12 Years oder auch ein 20-jähriger Michter’s Single Barrel Bourbon. Verbraucher, die sich lieber an Alter als an klangvollen Namen orientieren, finden hier vertrautes Fahrwasser und entdecken zugleich den Bourbon als Pur-Alternative zum Single Malt. Andererseits erschließen sich die Amerikaner mit ihren Flavoured Whiskeys eine junge und oft weibliche Verbraucherschicht. Die großen Marken wie Beam, Jack Daniel’s oder Wild Turkey haben sich hier längst ihre Claims gesichert und bauen das Thema kontinuierlich aus. Besonders experimentierfreudig zeigt sich hier Beam, die mit Jim Beam Honey, Red Stag, Maple und Apple für jede Menge frischen, wenn auch zum Teil limitierten Stoff gesorgt haben. Und das Thema Flavoured erstreckt sich auch auf neue Produktionsmethoden – so etwa im Falle des Jim Beam Devil’s Cut. Hier werden die nach dem Entleeren des Fasses im Holz verbliebenen Whiskyreste extrahiert und 6-jährigem Bourbon hinzugefügt.

 

Trend 4: Finishings und Specials Highland Park Dark Origins, The Glenlivet Nadurra, Port Charlotte, Scallywag, Glenmorangie Tusail

Das Thema Experimentierfreude spielt in der gesamten Whiskybranche derzeit eine große Rolle. Mittel der Wahl ist hier oft das Finishing. Wo der ein oder andere deutsche Destillateur vielleicht ein wenig übers Ziel hinausschießt, agieren vor allem die Schotten besonnener. Eine finale Lagerung in Pedro-Ximénez-, Oloroso-, Port-, Rum- oder alten Weinfässern wird immer beliebter. Kein Wunder, zaubert man damit doch neue Aromen in die Whiskys, was den Trend zu neuen NAS-Qualitäten aus etwas jüngeren Destillaten wunderbar ergänzt. Aktuelle Beispiele hierfür sind der The Glenlivet Nàdurra, der Highland Park Dark Origins oder der Scallywag von Douglas Laing.

Auch das Abfüllen von Whiskys in Fassstärke sowie das Experimentieren mit speziellen Malz- oder Getreidesorten, wie es die amerikanischen Craft Distiller vorleben, spielt bei den Schotten aktuell eine Rolle. So etwa beim Glenmorangie Tùsail, bei der die seltene und fast ausgestorbene Maris Otter Gerste zum Einsatz kam, oder bei diversen Qualitäten des Port Charlotte, die die Besonderheiten regionaler Gerstensorten hervorheben. Der Whisky-Twist ist also ein heißes Thema bei den Schotten, die schlau genug sind, aus der Not der leeren Lager eine Tugend zu machen. Doch noch schlauer ist, wer Alter, Qualität und Innovation unter einen Hut bekommt. Erinnern Sie sich noch an Bill Murray’s eingangs erwähnten Favoriten? Es war der Yamazaki Single Malt 2013 mit Sherry Cask-Finish.

 

Trend 5: Die Stärke der Asiaten  Akashi, Kavalan, Nikka, Togouchi,  Yamazaki,

Nun kann man zu dieser Verkostung natürlich stehen, wie man will, sie zeigt jedoch: mit den Japanern ist zu rechnen – und das nicht erst seit dem letztjährigen Monsterdeal, bei dem Suntory für schlappe 16 Milliarden Dollar Beam Global schluckte. Der geradlinige und ehrliche Stil japanischer und asiatischer Whiskys im Allgemeinen findet international immer mehr Fans. Marken wie Yamazaki, Akashi, Togouchi, Nikka oder Kavalan aus Taiwan genießen bei Whisky-Kennern auf der ganzen Welt hohes Ansehen. Und dies, obwohl nur ein Bruchteil der Produktion japanischer Whiskys in den Export geht. Rund 90 Prozent trinken die Japaner selbst. Doch das Wenige reicht, um den einst unantastbaren Schotten den Nimbus des Whisky-Primats streitig zu machen. Denn mit ihren  hochwertigen Single Malts, die Trends wie das Finishing gerne auch mal mit Fässern aus heimischen Hölzern aufgreifen, liefern sie Whisky-Fans genau das, was sie verlangen. Leicht zugängliche Whiskys mit klarem, typischem Charakter, große Vielfalt aufgrund sehr unterschiedlicher Klimazonen, in denen die Whiskys reifen, interessante Aromen, einen Hauch Exotik und die Faszination des (noch) Unbekannten – und das alles nach Wahl verpackt in Vintage-, Aged- oder NAS-Abfüllungen.

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