Im Fokus: Alkoholfreie Destillate

Null komma Null Prozent

Auf zahlreichen Spirituosenmessen waren sie in den letzten Monaten eine der meistbeachteten Neuentdeckungen, doch an ihnen scheiden sich auch die Geister: die nichtalkoholischen Destillate. Was steckt hinter dem Trend und wie macht der Einsatz dieser Leichtgewichte Sinn?

Text: Alexander Thürer

Manch einer hat es anfangs sicherlich für einen Scherz gehalten, als die ersten „alkoholfreien Gins“ auf den Markt kamen. Was haben sich die Marketing-Nasen denn nun schon wieder ausgedacht? Wie soll das denn überhaupt gehen? Und wie soll das denn schmecken? Fakt ist, den Herstellern war die Sache ernst und eigentlich war die Idee sogar ein logischer Schritt, denn die Verbindung des Gin&Tonic- und des Low-ABV-Trends verspricht viel Aufmerksamkeit. Aber sie birgt eben auch Gefahren, schon auf der Verständnisebene. Denn: Eine alkoholfreie Spirituose, oder gar ein nichtalkoholischer Gin oder Whisky, ist schon aus rechtlicher Sicht nicht möglich. Per Definition muss eine Spirituose einen Mindestalkoholgehalt von 15 Vol. % aufweisen (außer Eierlikor, der weniger haben darf), für Gin braucht es schon 37,5 Vol. %, für Whisky sogar 40 Vol. %. Daher ist z.B. die Bezeichnung „Alkoholfreier Gin“ auf dem Etikett gar nicht zulässig. Dennoch werden viele dieser neuen Produkte zumindest in der Kommunikation als genau das präsentiert – und damit auch so wahrgenommen. 

Teures Wasser mit Geschmack?

Und genau da liegt das eigentliche Problem: auf der Erwartungsebene, die durch den oftmals nicht gerade kleinen Preis von über 30 Euro pro Liter weiter angehoben wird. Nicht gerade billig für etwas Wasser mit Geschmack, so die Meinung vieler Kritiker, die darin das größte Hemmnis für einen Erfolg in der Breite ausgemacht haben. Obwohl sie in Sachen Breitentauglichkeit nicht ganz unrecht haben, ungerechtfertigt ist der Preis bei hochwertigen Destillaten nicht. Qualitativ anspruchsvolle alkoholfreie Liquids haben mit gängigen Spirituosen nämlich durchaus die Destillation und den Einsatz oft preisintensiver Zutaten gemein. Der einzige Kostenfaktor, der fehlt, ist eben der Alkohol. Zur Orientierung: ein Liter Neutralalkohol (Primasprit) mit 96 Vol. %, wie er zur Herstellung von Wodka, Gin oder Likören benutzt wird, kostet ca. 18 Euro. Am Beispiel der Preisstruktur des Siegfried Wonderleaf, der mit 18,90 Euro pro 0,5 Liter 11 Euro billiger ist als der Siegfried Dry Gin, lässt sich das Fehlen dieses Kostenpunktes gut erkennen.

Geschmacklich sind Spirituosen und Hydrolate, wie man die nicht auf Essenzen basierenden Alkoholfreien technisch nennt, aber zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Macht man sich den Spaß und liest die Kommentare zu diesen Destillaten auf etlichen Online-Shops durch, wird das Verständnisproblem offensichtlich. „Wer zahlt knapp 20 Euro für aromatisiertes Wasser?“, „Hatte irgendwie mehr erwartet“, „Erinnert an vieles, aber nicht an Gin.“ Hier erweisen sich das Fehlen einer klaren, einheitlichen und allgemein verständlichen Kategorisierung sowie das Anpreisen als Alternative zum alkoholischen Vorbild als Problem. Fakt ist nämlich: Wer das Aroma und vor allem das Mundgefühl einer Spirituose erwartet, wird tatsächlich enttäuscht sein. Den Herstellern ist das natürlich bewusst, weshalb sie nicht müde werden darauf hinzuweisen, dass die alkoholfreien Destillate nicht für den Pur-Genuss gemacht sind, sondern eher im Mix ihre Stärken ausspielen – sei es ganz simpel mit Tonic oder in jedweder anderen Kreation, bei der alkoholfreie Varianten eine Bereicherung darstellen. Bis das beim Endkunden angekommen ist, dürfte es aber noch ein wenig dauern.

Bevor man sich also dem Thema „Non Alcoholic Distilled Spirit“ nähert, sollte man sich davon frei machen, direkt nach Ähnlichkeiten mit bekannten Bränden zu suchen.  Vor dem ersten Schluck denken Sie vielleicht besser an ein weitaus besser bekanntes Hydrolat: das Rosenwasser. Damit haben Sie schonmal einen Fixpunkt. Und: Lassen Sie sich nicht allzu viel Zeit damit, Ihre Flasche aufzumachen. Im Gegensatz zu Spirituosen gilt hier nämlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum, da der Alkohol als 
Konservierungsstoff fehlt. Diese Funktion übernimmt bei Produkten wie Wonderleaf, Fluère oder Seedlip beispielsweise das Konservierungsmittel Kaliumsorbat (E 202) – und das eben nur auf Zeit.

 

Gib mir Fünf ... Alkoholfreie im Tasting-Check

Man soll sie zwar nicht pur trinken, wir haben es aber trotzdem getan – nur um zu wissen, nach was wir am Ende im Drink geschmacklich suchen müssen. Im Mix wanderten dann je 5 cl Destillat in 13 cl Schweppes Indian Tonic Water. Das Ergebnis? Für jeden Geschmack ist hier was dabei und stabile Drinks sind allemal drin!

Der Würzige: Siegfried Wonderleaf

PUR: Der Ableger des erfolgreichen Siegfried Rheinland Dry Gins distanziert sich aromatisch recht klar von seinem alkoholischen Bruder. Der Weg, den der Wonderleaf beschreitet, ist aber ebenso spannend: frisch, etwas zitrisch-fruchtig, andererseits aber wunderbar gewürzlastig, fast weihnachtlich mit Anklängen von Nelke (obwohl keine drin ist), dazu eine leichte Säure.

MIT TONIC: Der würzige Eindruck bleibt auch nach dem Mixen mit Tonic. Irgendwo zwischen Nelke, Zimt und Kardamom entfaltet sich ein wunderbares Aroma, das dennoch angenehm frisch daherkommt, auch dank zitrischer Noten nach Orangenzesten. Eine gute Alter-
native, die zu überraschen weiß.

 

Der Eigenwillige: Guilty 83734 Hausham

PUR: Hinter dem Guilty steht unter anderem Herbert Grönemeyers Sohn Till, der zusammen mit der Destillerie Lantenhammer die Gin-Alternative auf Basis von Botanicals wie Alpen-Heublume, Urwaldpfeffer, Zitronen, Orangen und Erbsen entwickelt hat. Geschmacklich finden sich daher auch Noten von Heu und Pfeffer, doch das vorherrschende Aroma ist gelinde gesagt unique, irgendwie feucht-holzig, mit leichten Kamillenoten und etwas krautig.

MIT TONIC: Das etwas eigenwillige Aromaprofil aus dem Pur-Versuch wird durch den Mix mit Tonic abgemildert, aber nicht weggebügelt. So hat man am Ende eine irgendwie nussig-erdige, an Heu und altes Holz erinnernde Variante, für die man zwar eine gewisse Experimentierfreude braucht, aber warum nicht mal neue Wege gehen?

 

Der Bitter-Krautige: NoGins Virgin

PUR: Roland Barics ist ein Urgestein der Münchner Barszene und bietet mit seinem Nogins Virgin nun ebenfalls eine alkoholfreie Gin-Alternative. In der Nase noch recht grün, krautig bis floral zeigt er sich geschmacklich eher von der herberen Sorte: krautig-bitter mit einer floralen Note, die einen das Ganze irgendwie mit kaltem Schwarztee assoziieren lässt, dazu eine leichte Säure.

MIT TONIC: Wer eine botanisch-krautige Alternative sucht, ist hier richtig. Eine herbe Bittere mit einem leicht schärflichen Nachklang, der ein wenig an Zitronengras erinnert, rundet das Ganze ab. Ein wenig Kamille- und Schwarztee-Aroma schafft es auch noch am Tonic vorbei. Geht von den Getesteten am ehesten in die klassische Gin-Richtung.

 

 

Die Zitruszeste: Fluère

PUR: Das Packaging ist schon mal grandios, aber was steckt darin? Das alles bestimmende Aroma, das uns pur in die Nase schießt, ist Zitrus. Dieser Eindruck bestätigt sich auch im Geschmack nach frisch geschnittenen Zesten von Limette, Zitrone und Bergamotte. Dazu ganz dezent etwas Florales, Krautiges und eine subtile Schärfe im Nachklang.

MIT TONIC: Das bereits pur bestimmende Zitrusaoma gibt auch im Mix den Ton an, die restlichen Nuancen gehen daneben aber etwas verloren. Das ist jedoch nicht weiter schlimm, denn das Ergebnis ist ein wunderbar erfrischender Sommerdrink, bei dem eine leichte, an Ingwer erinnernde Schärfe mitschwingt.

 

Die Gewürzgurke: Seedlip Garden 108

PUR: Welche Aromen assoziiert man als erstes mit dem Wort „Garten“? Blumen, Gras, Erde vielleicht. Einige davon finden sich auch im pur probierten Seedlip Garden 108. In der Nase hat man aber vor allem erstmal eines: Gewürzgurke! Spannend eigentlich und auch geschmacklich bleibt es interessant. Eine leichte Säure ist der Träger für Noten von Heu, einer gewissen Erdigkeit und etwas Kräutrig-Ätherischem wie Thymian.

MIT TONIC: Wem die Aromatik des Seedlip Garden gefällt, der wird sich nun freuen, denn auch gegen ein kräftiges Tonic bewahrt er seine Vielschichtigkeit und geht geschmacklich nicht unter. Die Gewürzgurke bleibt, ergibt mit den herb-botanischen Noten und einer feinen Säure aber einen erfrischend leichten Drink.