Im Fokus: Bargeldloses Bezahlen

Bargeldloses Bezahlen

Schluss mit dem Geklimper – immer mehr Gastro-Betriebe verbannen Münzen und Scheine aus ihren Abläufen und setzen ganz auf Karte und Handy. Hype oder solide Entwicklung? Warum das Ganze? Und was sagen die Gäste?

Text: Barbara E. Euler

Plötzlich geht alles ganz schnell. Gerade eben haben die Sparkassen Apple Pay eingeführt. Und schon wieder hat eine Location der klingenden Münze abgeschworen. Diesmal sind es die unkonventionellen Pizzabäcker vom „Heat“ aus Hamburg-Altona. Zahlungsmöglichkeiten gibt es dennoch jede Menge; EC, Mastercard, Visa, Apple Pay, Google Pay und PayPal stehen zur Auswahl. 1.500 Euro pro Monat oder mehr spare er durch den reduzierten Verwaltungsaufwand, so Inhaber Lennert Wendt. „Aber das ist nicht das Entscheidende. Der digitale Zahlungsverkehr ist viel ökologischer als Zahlungsverkehr mit Bargeld, und das steht im ‚Heat‘ im Mittelpunkt“, betont er. Er plädiert dafür, Kritikpunkte wie Fragen des Datenschutzes oder der Privatsphäre progressiv zu lösen, anstatt auf Bargeld zu bestehen. Den Gästen gefällt die im Sommer 2019 eingeführte „no cash policy“. Erst nach Medienberichten zweier Lokalzeitungen gab es einen Shitstorm, bis hin zu einer Bombendrohung.

Höhere Umsätze ohne Bargeld?

Und trotzdem: Bargeld tritt ab, sollte man meinen. Aber warum? Und vor allem – ist es wirtschaftlich sinnvoll? Ben Rahim vom gleichnamigen Berliner Coffeeshop, wo orderbird genutzt wird, akzeptiert nur Kartenzahlung. Er meint: „Die Umsätze sind mit Karte höher als mit Bargeld.“ Und tatsächlich: Nach der aktuellen eat.pay.love-Studie von orderbird und Mastercard sind 48,6 % der befragten Gastronomen der Meinung, dass Gäste, die mit Karte bezahlen, mehr Geld ausgeben.

Tom Smets, Mitgründer und Geschäftsführer vom Hamburger Lieferdienst „Stadtsalat“, der seit Juli 2019 auch ein Ladengeschäft mit Lieferdienst in Berlin betreibt und im Laufe von 2020 auch die letzte Barzahlungsmöglichkeit (im Hamburger Lieferdienst) abschaffen wird, glaubt eher nicht an eine Umsatzsteigerung durch bargeldlose Zahlungen. Außerdem zahlt er natürlich Gebühren für die Zahlungsdienstleister: „Diese belaufen sich auf grob drei Prozent des Umsatzes“, erklärt er. „Die drei Prozent beinhalten die Interchange-Gebühr, die bei Kartenzahlungen fällig wird, und inkludieren darüber hinaus alle weiteren direkten Vertragskosten unserer Zahlungsdienstleister, sowie die laufenden Kosten für die notwendige Hardware, insbesondere Kartenlesegeräte.“

 

Kosten und Einsparungen

Trotz der Gebühren macht Smets eine durchaus positive Rechnung auf: „Demgegenüber stehen beim Umgang mit Bargeld Gebühren für Bareinzahlungen, welche keineswegs zu vernachlässigen sind. Außerdem entstehen viele indirekte Kosten: Kassierdauer, Handlingzeit für Abrechnungen, Kassenbuch führen, interne und externe Prüfungen, verspätete Zahlungseingänge, technische Probleme, Zahlungsausfälle, Bargeldtransport, Tresor. Durch eine vollständige Prozessautomatisierung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs können wir deutlich kosteneffizienter arbeiten, als das jemals mit Bargeld für uns möglich wäre.“ Smets betont: „Bei einer Vollkostenbetrachtung erzielen wir mit einem zu 100 % bargeldlosen Zahlungsverkehr signifikante Einsparungen im Vergleich zu reinen Barzahlungen oder einem Mischkonzept.“ Und noch ein Tipp von Lennert Wendt: „Wenn man nur noch bargeldlosen Zahlungsverkehr hat, kann man mit den Zahlungsanbietern möglicherweise bessere Konditionen aushandeln.“

 

Sicherheit und kein Schwarzgeld

„Wir sparen Arbeitszeit: Jeden Abend eine halbe Stunde für einen Mitarbeiter“, betont auch Ralf Rüller, Gründer und Geschäftsführer von Kaffeeröster- und Coffee-Shop-Ikone „The Barn“ in Berlin, die kürzlich beim 2019 Europe & Middle East Coffee Award als Best Specialty Coffee Roaster Europe ausgezeichnet wurde. Seit dem 1. September 2019 arbeiten alle Filialen bargeldlos. Die rund zwei Prozent Gebühren an den Zahlungsdienstleister kommen so locker wieder rein. Auch aus Gründen der Hygiene verzichtet Rüller auf Bares. Der wichtigste Grund aber ist die Sicherheit: „Wenn man abends alleine im Laden ist mit der Kasse, kann man sich unwohl fühlen.“ Noch dazu setzt „The Barn“ ein Signal: „Kein Schwarzgeld, alle Mitarbeiter sind voll angemeldet. Das ist ein wichtiger Faktor für die Bewerber.“ Auch bei „The Barn“ werden alle üblichen Zahlungswege angeboten. Und mit elektronischen Loyalty-Cards, die auch mit Guthaben gefüttert werden können, gibt’s jeden achten Drink gratis.

 

Trinkgeld mit dem Handy?

Aber gibt es ohne Bares noch Trinkgeld? „Ja, natürlich!“, sagt Argin Keshishian, der gemeinsam mit seinem Bruder Arameh Gründer und Geschäftsführer der „Public Coffee Roasters“ in Hamburg ist. „Entweder man gibt Bargeld in das Trinkgeldglas oder man rundet den zu zahlenden Betrag während der Kartenzahlung auf.“

Anders läuft es bei „Stadtsalat“: „In unserem Store-Konzept ist kein Trinkgeld vorgesehen. Wir bezahlen unsere Mitarbeiter entsprechend, so dass diese nicht auf Trinkgeld angewiesen sind“, so Tom Smets. Sein Tipp: „Wer Trinkgeld in seinem Konzept einkalkuliert, ist sicherlich gut beraten, dieses in den digitalen Zahlungsprozess smart zu implementieren.“

Diese Problematik sieht auch Ralf Rüller. Sein Wunsch ist, „dass man einfach über das Kassensystem Trinkgeld geben kann“. Bislang seien Bezahlung und Trinkgeld getrennte Vorgänge. Und der Gast gebe beim Bezahlen am Kartenlesegerät nicht von sich aus Trinkgeld. „Ich kann nicht bewerten, ob es mehr oder weniger geworden ist“, sagt er. „Wir haben ein Töpfchen, wo die Kunden ihr übriges Bargeld reintun. Das ist recht voll!“

 

 

Analoges Ambiente

Wird sie also weiterollen, die Bargeldlos-Welle? Es sieht ganz danach aus! Klar, dass die Kosten in jedem Falle gut abzuwägen sind und das Konzept nicht immer passt, beispielsweise in strukturschwachen Regionen, wie Tom Smets meint. Und auch klar, dass nicht alle dahinterstehen

So wie Ilya Berkovich, Barkeeper im „Becketts Kopf“ in Berlin, wo Kartenzahlung radikal ausgeschlossen ist: „Wir machen das aus stilistischen Gründen, weil wir eine sehr klassische Bar sind“, so der Barprofi. „Diskretion ist für eine Bar höchstes Gut. Das gilt auch für den Zahlungsvorgang. Und wir wollen so wenig wie möglich technische Geräte im Laden haben. Es gibt immer wieder Leute, die das nicht wissen, obwohl es überall steht. Aber wir sind hier in der Pappelallee, da gibt es alle 50 Meter einen Automaten, darauf verweisen wir die Leute dann.