Im Fokus: Der Scotch und das Dilemma mit der Transparenz

Scotch: Das Dilemma mit der Transparenz

Eigentlich könnte es in der schottischen Whisky-Welt ganz entspannt zugehen – wären da nicht diese neugierigen Nerds, die ihrem Lieblingssprit immer öfter auch noch das letzte Geheimnis entreißen wollen. Doch mit der Transparenz und dem Whisky ist das so eine Sache – und hinter den Kulissen geht es hoch her. 

Text: Alexander Thürer

„Sag mir, was du trinkst, und ich sag dir, wer du bist.“ Was erstmal nach einem blöden Anmachspruch klingt, kommt der Problematik, mit der sich der Scotch gerade konfrontiert­ sieht, doch ziemlich nahe. Denn zu wissen, was man trinkt, ist hier nicht immer ganz so einfach. Vor allem dann nicht, wenn man sich mit den angebotenen und gelernten Informationen auf dem Etikett nicht abfinden und tiefer graben will.

Nun ist die Forderung nach mehr Transparenz bei Whisk(e)y im Allgemeinen ja nicht neu. Gerade in den USA wurde dieses Thema in jüngerer Vergangenheit heiß diskutiert, da verschiedene Marken ihren Stoff extern zukauften, um ihn anschließend unter eigenem Label zu vermarkten, ohne dies kenntlich zu machen. Konsumenten reagierten darauf recht verschnupft, schließlich wollen sie wissen, welche Destillerie den Sprit „verbrochen“ hat, den sie da gerade trinken. Heimlichtuerei mit Vertuschungscharakter kommt da nicht gut an. Bei den Schotten hingegen stellt sich dieses Problem zwar weniger, schließlich darf gerade beim Single Malt davon ausgegangen werden, dass die Destillerie auf dem Etikett auch mit der herstellenden übereinstimmt. Aber ganz ohne Makel stehen auch die Schotten nicht da. Der Trend zu NAS-Whiskys hat nachweislich viele arrivierte Whisky-Trinker misstrauisch gemacht – ob zurecht, das sei mal dahingestellt – und mondpreisige Sondereditionen à la Glenlivet Alpha, die damit kokettierten, rein gar nichts von sich preiszugeben und somit voll auf die Mystery-Karte setzten, haben diese Voreingenommenheit sicherlich noch weiter verstärkt. Auch beim Blended Scotch zeigen sich viele Marken nach wie vor recht zugeknöpft, und oftmals fällt das Argument, dass die Information, woher die jeweiligen Whiskys im fertigen Produkt stammen, dem Konsumenten ohnehin nichts bringen würde. Und so hat auch die schottischen Hersteller eine die Gemüter erhitzende Transparenz-Debatte erfasst, die jedoch unter gänzlich anderen Vorzeichen geführt wird. Hier streitet man sich nämlich nicht darum, ob es an Informationen rund um den jeweiligen Whisky fehlt, sondern darum, dass manche Marken mehr über ihr Produkt verraten wollen, als es der Konkurrenz genehm oder gar erlaubt ist. Denn die Preisgabe zu vieler Details ist, gerade was das Alter betrifft, aktuellem Recht sei Dank verboten.

 

Diese Lektion musste der unabhängige Abfüller John Glaser, Inhaber von Compass Box Whisky, kürzlich schmerzlich lernen. Was war geschehen? Compass Box, ambitionierter Abfüller diverser Blended Whiskys, hatte genug von der Heimlichtuerei und kommunizierte die Zusammensetzung seiner Blends auf das Prozent genau, inklusive des Alters des jeweiligen Whiskys, der Art des Fassausbaus sowie der herstellenden Destillerie. Compass Box veröffentlichte sogar die jeweiligen Geschmacksprofile der verwendeten Whiskys. So konnte der Kunde haargenau nachverfolgen, aus was sich sein fertiger Whisky im Glas zusammensetzt und sogar den jeweiligen Charakteristika der einzelnen Whiskys im fertigen Blend nachspüren.

Klingt erstmal ein wenig nerdig, aber die Nachfrage nach solchen Informationen gab Glaser Recht. Compass Box hätte so leicht die Rolle eines Wegbereiters spielen können. Hätte, denn geltendes U.K.- und EU-Recht sowie eine Beschwerde bei der Scotch Whisky Association – wohl lanciert von einem Mitbewerber – wies das ambitionierte Projekt schließlich in die Schranken. Laut Spirituosenverordnung (Artikel 12,3 der Verordnung 110/2008) ist es nämlich verboten, Details über die Altersstufen der jeweiligen Komponenten eines Whiskys zu offenbaren. Einzige Ausnahme: das Alter des „Youngest Drop“, also des jüngsten Destillats, das als einziges auf dem Etikett auftauchen darf. Ein perfektes Beispiel dafür, wie ursprünglich zum Käuferschutz und zur Reputationsverbesserung erlassene Gesetze den modernen Realitäten entgegenstehen.

Die Ursprünge dieser Regelungen jedoch sind klar. Es sollte verhindert werden, dass Whiskys als z. B. „30 Jahre alt“ ausgewiesen werden, in denen nur ein paar Tropfen 30-Jähriger rumschwappen, der Rest hingegen deutlich jünger ist. Es war also der Schutz des Verbrauchers, der im Fokus stand. Genau dieser wird aber von der neuen Transparenz-Offensive in keiner Weise gefährdet, ganz im Gegenteil. Schließlich ist es gerade im Sinne des Verbrauchers, so viel wie möglich über ein Produkt zu verraten, siehe zum Beispiel die Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln. Und nichts läge einem Verfechter der Transparenz ferner, als durch ein Ändern des Gesetzes etwaigen Betrügereien wieder ein Türchen zu öffnen.

 

Darin dürften sich alle Whisky-Produzenten einig sein, doch die Zahl der Fackelträger der neuen Transparenz-Welle ist trotzdem noch recht überschaubar. Mit der Bruichladdich-Destillerie, die schnell Partei für die Compass-Box-Kollegen ergriff, hat nun aber einer der ersten namhaften Hersteller Flagge gezeigt. „Wir bei Bruichladdich waren stolze Pioniere des NAS-Whisky-Konzepts, aber wir haben erkannt, dass unsere zunehmend fachkundigeren Kunden klare Informationen gerade über das Alter jedes Bestandteils ihres Whiskys haben wollen“, erklärt Bruichladdich CEO Simon Coughlin. Seit April 2016 können sich daher interessierte Whisky-Fans auf der Bruichladdich-Homepage das detaillierte Batch-Rezept des The Classic Laddie ansehen. Hierfür benötigen sie lediglich einen fünfstelligen Code, der auf jeder Flasche zu finden ist. Aktuell wurde dieses Programm auf den Heavily Peated Port Charlotte Scottish Barley ausgeweitet. „Wir sind zuversichtlich, dass diese größere Transparenz mit der Spirituosenverordnung konform ist, deren eigentliche Aufgabe es ist, die Interessen der Verbraucher zu schützen“, so Simon Coughlin weiter. Auf eine ganz ähnliche Lösung hat sich mittlerweile auch Compass Box verlegt. Wer weiterhin das Alter der verwendeten Whiskys erfahren möchte, muss diese Informationen per Mail über die Homepage anfordern. Diese werden dann individuell zugeschickt. Daneben finden sich dort weiterhin Angaben über die Herkunft der verwendeten Whiskys sowie deren prozentualer Anteil am Blend.

Das Thema Transparenz beschäftigt jedoch mittlerweile die ganze Branche, auch wenn nicht jeder so weit gehen möchte wie die Kollegen von Compass Box oder Bruichladdich. Manch einer nimmt gar eine Blockadehaltung ein und lehnt jedes Statement zu diesem Thema ab. Chris Leggat, Commercial Director des unabhängigen Abfüllers Douglas Laing bestätigt aber: „Transparenz ist enorm wichtig. Bei Douglas Laing beispielsweise verraten wir von der Single Cask Abfüllung bis zum Old Particular oder dem Provenance alle Details, vom Fasstyp, über das Destillationsdatum, die Region, das Alter und das Abfülldatum, bis hin

zu Geschmacksprofilen und Alkoholstärke.“ Gleichzeitig räumt Leggat aber auch die Notwendigkeit ein, manches eben lieber nicht zu verraten. „Es sollte dem Markeneigner überlassen sein, was er kommunizieren will und was nicht. Manche Firmen greifen auf alte geheime Familienrezepte zurück, die es zu schützen gilt. Dann wieder gibt es Änderungen bei manchen Chargen, was wiederum eine Anpassung des Etiketts nötig machen würde. Am Ende sollte also jeder selbst entscheiden.“

 

Mit dieser Aussage hat Chris Leggat wohl die praktikabelste Lösung dieser Debatte gefunden. Es sollte doch eigentlich möglich sein, die geltende Regel des „Youngest Drop“, der es ja als einzige Altersangabe auf das Etikett schaffen darf, ein wenig zu erweitern, ohne Schummeleien Tür und Tor zu öffnen. Bei Compass Box hat man hierfür bereits einen Ergänzungsvorschlag: die vollständige Offenlegung als Alternative zu „Youngest Drop“ und „No Age Statement“. Demnach sollte es den Herstellern freigestellt sein, umfassende und klare Informationen über jeden Bestandteil ihres Whiskys zur Verfügung zu stellen. Soll ein Age Statement das Etikett zieren, so solle dies natürlich weiterhin das Alter des jüngsten Destillats herausstellen. Ein fairer Kompromiss, für dessen Umsetzung es jedoch noch jeder Menge Überzeugungsarbeit bedarf, denn die Whisky-Produzenten ziehen hier alles andere als an einem Strang. Man munkelt, manche Hersteller befürchteten einen Marketingvorteil gerade unabhängiger Abfüller, wenn diese mit Whiskys im Blend werben, die eigentlich von mit viel Aufwand marketingtechnisch aufpolierten Fremddestillerien stammen. Wahrscheinlicher ist aber wohl die Vermutung, dass Produzenten, die ihre Rezepte aus wie auch immer gelagerten Gründen nicht offen legen möchten, einen Image-Nachteil fürchten, sollte es allen erlaubt sein, nach Gutdünken ihre Rezepturen zu kommunizieren.

Wer in Sachen Transparenz schlussendlich am ehesten Druck aufbauen kann, sind erneut die Verbraucher – und diese sind es auch, die auf einer eigens eingerichteten Online-Petition (www.compassboxwhisky.com/transparency) ihre Unterstützung für dieses Bestreben kundtun können. Einen langen Atem werden die Reformer aber allemal benötigen. Denn mit dem Brexit hat die Scotch Whisky Association als politischer Interessensvertreter der Scotch-Produzenten gerade wohl Wichtigeres zu tun, als den Forderungen zweier Firmen – die zudem beide keine Mitglieder der SWA sind – größere Aufmerksamkeit zu schenken. 

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