Krisenmanagement: Hanni Rützler über Foodkonsum nach Corona

Rützler Hanni Foodkonsum nach Corona. Foto: Andreas Jakwerth

„Die Pandemie verstärkt einen Trend, der schon existiert“

Hanni Rützler, FutureFoodStudio (Wien), über Foodkonsum nach Corona

Das Corona-Virus hat sich – soweit man heute weiß – durch den Konsum von Tierfleisch auf den Menschen übertragen. Erwarten Sie in der Folge einen weiteren Push für die vegetarische und vegane Ernährungsweise?

Den Ausbruch des Virus ganz allgemein mit dem Konsum von Fleisch in Verbindung zu bringen, verengt den Blick zu sehr. Das blendet andere kritische Faktoren in unserer globalen Nahrungsmittelproduktion aus, die dabei auch eine Rolle spielen. Zoonosen nehmen auch aufgrund abnehmender Biodiversität und den veränderten Lebensräumen vieler Wildtiere zu. Und das Fleisch, das wir hier in Europa essen, stammt auch nicht von asiatischen Wet Markets.

Viele Food- und Gastronomietrends insgesamt betonen das Gruppenerlebnis. Nun werden wir aktuell zu sozialer Enthaltsamkeit gezwungen. Erwarten Sie dadurch auch eine Änderung des Essverhaltens in der Gastronomie? Werden wir wieder mehr Abstand nehmen? Was passiert in Zukunft zum Beispiel mit dem Sharing-Trend? 

Das Gruppenerlebnis beschränkt sich nun auf die Familie, in der das gemeinsame Essen und auch das Kochen einen neuen Stellenwert gewinnt. Wie sich diese Erfahrungen in Zukunft auf die Gastronomie auswirken werden, ist aus heutiger Sicht schwer einzuschätzen. Vielleicht finden wir es ja toll, uns auch in Zukunft mit guten Speisen aus dem Restaurant beliefern zu lassen. Daraus könnte sich für die Gastronomie tatsächlich ein neues Geschäftsmodell oder zumindest ein zweites Standbein entwickeln. Andererseits werden wir es aber auch wieder genießen, raus aus den Wohnungen zu gehen und uns in Lokalen bekochen zu lassen. Und wenn wir wieder gemeinsam an einem Tisch sitzen, können wir auch unser Essen wieder sharen.

Die Pandemie führt uns die negativen Auswirkungen der Globalisierung vor Augen. Wird dies auch Auswirkungen auf die Essgewohnheiten der Menschen haben, werden wir uns dadurch noch stärker heimischen Produkten und Gerichten nähern? Was passiert mit dem internationalen Crossover im Foodbereich?

Regionale Produkte werden gewiss an Bedeutung gewinnen. Die Pandemie verstärkt dabei aber nur einen Trend, der ohnehin schon existiert. Internationale Speisen und Rezepturen sind aber nicht nur auf Importe angewiesen. Wir werden Spaghetti und Pizza weiter essen, auch wenn Italien ein Hot Spot der Pandemie ist. Und Koriander, Ingwer & Co wachsen auch in deutschen Glashäusern hervorragend.

Durch die derzeitige Situation boomen die Bringdienste, selbst Cocktails werden nach Hause geliefert. Was bleibt davon nach der Krise? Wird sich der Konsum stärker zu Hause abspielen, kommt es zu einem länger anhaltenden Rückzug ins Private?

Lieferdienste gehören zu den „Krisengewinnern“, aber sie werden sich ändern müssen, vor allem die Höhe der Provisionen betreffend. Und die produzierenden Küchen, ob in klassischen Restaurants oder als „Ghost Kitchen“, werden dafür ihre Rezepturen verstärkt für den Transport adaptieren. Aber wir Menschen sind soziale Wesen, ein anhaltender Rückzug ins Private würde uns um einen wesentlichen Teil des „Menschseins“ beschneiden.

Weiterlesen:

Axel Ohm und Patrick Rüther über Konzepte nach Corona
Nicole Franken über Interior nach Corona
Tillman Bardt über Kundenmanagement nach Corona
Daniel Anthes über Konsumverhalten nach Corona