Im Fokus: Komm schon, Cachaça!

Der große Hype tobt anderswo. Aber was macht eigentlich der Cachaça? Und gibt es ein Leben neben der Caipirinha?

Der große Hype tobt anderswo. Aber was macht eigentlich der Cachaça? Und gibt es ein Leben neben der Caipirinha?

Eigentlich ist er ein echter Weltstar und hinter Vodka und Reisschnaps die stolze Nummer Drei im internationalen Ranking der meistgetrunkenen Spirituosen. Doch in all dem Rummel, der derzeit um diversen Sprit gemacht wird, ist es um die altbekannte Bar-Größe Cachaça ziemlich ruhig geworden. Die über 30.000 Destillerien in Brasilien schießen zwar rund 1,3 Milliarden Liter pro Jahr aus ihren Kesseln, doch bei uns ist von der Power der brasilianischen Nationalspirituose seltsam wenig zu spüren. Zwar ist Deutschland das Hauptexportland für Cachaça, mit einem Zuwachs von 11,6 Prozent in 2014 auf rund 2,9 Millionen Liter (Instituto Brasileiro de Cachaça). Doch vor allem in der Art des Konsums trägt er ein denkbar enges Korsett.

Cachaça ist Caipirinha – und sonst nichts. Auch Batidas spielen kaum eine Rolle. Selten wurde einer Spirituose mit solchem aromatischen Potenzial und einer solchen Vielfalt so wenig Aufmerksamkeit zuteil. Woran liegt das? Klar, eine Caipirinha ist ein feiner Drink, allgemein bekannt und entsprechend oft wird er bestellt. Doch kaum jemand scheint größeres Interesse daran zu haben, das Potenzial der Grundspirituose Cachaça weiter zu erkunden und zu nutzen. So haben zwar die meisten großen Distributeure einen Cachaça im Portfolio, aber der fehlende Wille, die Kategorie weiter voranzutreiben, zieht sich durch wie ein roter Faden. Egal ob Janeiro (Pernod Ricard), Pitú (TeamSpirit), Sagatiba (Campari), Thoquino (Giffard), Canario oder Nêga Fulô (beide Borco) – es tut sich marketingmäßig wenig. Man zeigt sich zufrieden mit der Situation der Marke, der Absatz sei stabil, die Kategorie erfreue sich eines gesunden Wachstums. Neue Sorten oder gar gezielte Marketingaktionen für die Gastronomie sind aber – zumindest bei den Großen – nicht in Sicht.

Auch die Frage nach Drink-Alternativen erzeugt hier oftmals nur Stirnrunzeln. „Was anderes als eine Caipirinha? Wozu? Läuft doch super und dreht sich fast von allein“, bekommt man unter der Hand als Antwort. Ähnlich sieht man das auch bei Borco. „In absehbarer Zeit wird sich keine der Varianten aus dem Schatten der Caipirinha bewegen können“, ist sich Dr. Tina Ingwersen-Matthiesen sicher, freut sich aber 

gleichzeitig über satte Zuwachszahlen bei Nêga Fulô (plus 21 Prozent in 2014). Zuwächse meldet auch Schlumberger mit Cachaça 51: „Die Neulistungen im Lebensmittelhandel entwickeln sich sehr gut. Vor allem in den Bars werden wir immer öfter als Pouring-Cachaça eingesetzt. Dieses hilft uns sehr, auch in der Markenwahrnehmung“, verrät Rudolf Knickenberg. Verantwortlich für diesen Anstieg war wohl – da sind sich die Importeure einig – die Fußball-WM. Wie gut, dass 2016 mit den Olympischen Spielen gleich das nächste Großevent auf brasilianischem Boden ansteht. Aber was kommt danach?

Bewegung in der zweiten Reihe

Angesichts solch überschaubarer Ambitionen mag sich schon so etwas wie Ernüchterung breitmachen. Ist das wirklich alles, was eine Spirituose, die aus über 600 verschiedenen Zuckerrohrarten hergestellt wird und in 25 verschiedenen Holzsorten reifen darf, in Deutschland zu bieten hat? Leidenschaft klingt anders. Aber so schnell sollte man die Kategorie dann doch nicht aufgeben, denn vor allem kleinere Importeure wollen mit vielfältigen Premium-Cachaças punkten und ihre Marktlücke besetzen. So etwa Jericoa, wo man aktuell den Avuá-Cachaca, einen  hochwertigen small-batch, pot-stilled Cachaça launcht, oder auch Sucos do Brasil, dessen Geschäftsführer Christian Wurm 2015 vor allem die Bar-Szene ansprechen will. „Wir werden mit mehreren bekannten Bartendern zusammenarbeiten, die für die Marke Velho Barreiro in der Community unterwegs sein werden. Wir in formieren dabei über Produktunterschiede, führen Tastings und Schulungen durch und entwickeln neue Rezepte mit Cachaça.“

Ähnliches hat man bereits bei Leblon (im Vertrieb bei Cognac Ferrand) gestartet, wo 2014 die Maison Leblon „World Cup Bartending Competition“ den Beginn einer Education-Kampagne markierte, die auch 2015 unter dem Titel „Leblon Cachaça University“ weitergeführt werden soll. Das Ziel: Bartender aus aller Welt zu Experten – sogenannten „Cachaçeiros“ auszubilden und das Wissen um Cachaça zu stärken. Ergänzend zu diesem Programm wurde eigens das Cocktailbuch „Art of Cachaça“ mit über 60 Rezepten aufgelegt. Der Leblon Global Mixologist Marco de la Roche attestiert Cachaça in den letzten drei bis fünf Jahren weltweit sogar ein regelrechtes Revival in den Bars, befeuert von der Craft-Bewegung, die sowohl das Bier als auch verwandte Spirituosengattungen erfasst hat. „Die Leute beginnen den Unterschied zwischen handwerklich hergestelltem Artisanal und industriellem, in der Kolonne destilliertem Cachaça zu verstehen.“

Bis das in Deutschland allerdings in der Breite an Relevanz gewinnt, wird es wohl noch etwas dauern. Aber auch Arno-Schmid-Egger, der über die Perola GmbH die Cachaças Espírito de Minas und Magnifica vertreibt, beobachtet bereits ein Umdenken hin zum Einsatz von Qualitäts- Cachaça. „Es ist sonst einfach nicht konsistent, wenn eine Bar 20 teure Gins im Programm hat, und beim Cachaça nur eine sehr einfache Qualität anbietet.“ Klar sei aber auch, dass hochpreisiger Cachaça sich aktuell noch deutlich schwieriger im Premium-Segment platzieren lasse als Gin, Whiskey, Mezcal oder Tequila. Aber gerade im Premium-Segment erfreut sich aktuell ein sehr naher Verwandter des Cachaças wachsender Beliebtheit: der Rum. In dessen Fahrwasser mag vielleicht auch der „brasilianische Rum“ zu neuer, unerwarteter Blüte gelangen. Das Potenzial dazu hat er in jedem Fall.

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