Krisenmanagement: Nicole Franken über Gastrodesign nach Corona

Nicola Franken Gastrodesign nach Corona

„Flexible Aufteilung und modulares Interior“

Nicole Franken, Franken Architekten (Frankfurt a. M.), über Gastrodesign nach Corona

Wie wird sich die derzeitige Corona-Pandemie mittel- und langfristig auf die Gestaltung von Gastronomieobjekten und damit auf die Arbeit der Interior Designer auswirken?

Wie meist liegt in der Krise auch eine Chance. Kurzfristig wird die große Sehnsucht nach menschlicher Begegnung und Wir Kultur, die aktuell sowohl im digitalen Raum als auch z.B. auf den Balkonen intensiv gelebt wird, zu einem Nachholbedarf führen. Sicher werden viele zunächst die soziale Gemeinschaft rund ums Essen und Trinken zelebrieren und wieder bewusster schätzen.

Mittelfristig könnte dank der gesellschaftlichen Veränderungen und Slowdown-Erfahrungen der letzten Monate ein größeres Bewusstsein für Qualität statt der Quantität des Schneller, Billiger, Mehr entstehen. Dies könnte auch zu einer größeren Nachfrage von regionalen Produkten und zu neuen Netzwerken mit regionalen Produzenten führen. Dieser Trend zu einer Glokalisierung bedeutet für das Interior ebenso einen Fokus auf das Regionale des Genius Loci, ein eher puristisches Design mit naturbelassenen Materialien und einem Hang zur inszenierten „Imperfection“.

Werden (neue) Gastronomieobjekte nach der Corona-Zeit anders aussehen?

Ich denke ja und nein – es wird die „Weitermacher wie bisher“ und die „Gut (oder sogar) Bessermacher“ geben. Die renommierten und beliebten unter den „Weitermachern“ werden versuchen, auf Business as usual zurückzuschalten und damit auch bei vielen Gästen gut ankommen, aber es wird auch einige geben, die mit ihrem klassischen Angebot nicht überleben. Und dann eben die „Bessermacher“, die sich mit ihren Konzepten noch mehr als vorher an den Bedürfnissen der Kunden orientieren und für das „Next Normal“ der postviralen Ära gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Es wird noch mehr als bisher um gelungene Konzepte gehen, die mit kuratierten Specials auf die individuellen Bedürfnisse des Gastes eingehen und Erlebnisse getreu dem Motto: „Collect Moments not things“ bieten. Also etwa „Open for all“- oder „Invitation only“-Events für ein exklusiveres Community-Gefühl, ein individualisiertes 360-Grad-Gasterlebnis vor- und nach dem Restaurantbesuch mit Kochkursvideos, Rezepten für Zuhause, Liefer-, Shopping- und Geschenkideen, was gleichzeitig auch zu einer Beschleunigung der Digitalisierung in der Gastronomie führen könnte. Aber auch zu mehr „Sense“ in seiner Doppeldeutigkeit von sinnstiftenden sowie sinnlich sensorischen Erlebnissen durch Haptik, Klang, Duft, Geschmack, durch welches eine multisensorische Identität kreiert wird, die beim Gast zu positiven Emotionen führt.

Durch eventuell verschärfte Hygienevorschriften nach der Krise könnten in Zukunft kontaktlose Wasserhähne und Spülungen an Bedeutung gewinnen. Auch für smarte Lösungen von Schaltern und Türklinken öffnet sich ein neues Feld. Ebenso können Materialien mit selbstreinigenden Oberflächen vermehrt in die Planung integriert werden. Auch der Buffet- und Ausschankbereich lässt sich mit sogenannten „Spuckschutz“-Acrylglas-Abtrennungen, Thekenaufsätzen etc. gestalterisch optimieren.“

Werden die Menschen wieder mehr auf Distanz gehen wollen – oder gerade erst recht zusammenrücken? Was bedeutet das für die Gestaltung von Gastronomieobjekten?

Hier wird es zunächst sowohl das „Social distancing“, was eigentlich eher „Physical distancing“ heißen müsste, geben als auch – sobald legal wieder möglich – das Genießen von Nähe und Dichte. Das bedeutet in erster Linie Flexibilität in Raumprogramm und -aufteilung sowie ein modulares Interior. Das kann sich aus 2er-Tischeinheiten zusammensetzen, die flexibel, schnell und leicht zu Tischen mit freier Anzahl an Sitzplätzen gestellt werden können. Sitzhocker dienen bei Bedarf zusätzlich als kleiner Beistelltisch. Je nach vorhandener Raumsituation können bewegliche Zonierungselemente (z.B. begrünte Raumtrenner) wichtige Interventionen sein. Mit diesen lassen sich die Dichte und der Gastfluss strukturieren und durch den Raum navigieren, je nach Tageszeit, Besucheranzahl und gesetzlichen Auflagen bezüglich Kundenhöchstgrenze pro Quadratmeter. Bei dieser Herausforderung können Interior Designer mit ihrer dreidimensionalen innenarchitektonischen Expertise sehr hilfreich sein.

In der auferlegten „Quarantäne“ haben es sich die Menschen zu Hause einrichten müssen – wird sich dieses Wohnzimmer-Gefühl wieder noch stärker in der Gastronomiegestaltung wiederfinden? 

Generell erleben wir ja schon seit Jahren diesen Hang zur „Verwohnzimmerung“ von Hospitality-Bereichen. Daher wird sich das weniger in der Gestaltung als im Teilen des Essens und Kochens manifestieren. Entsprechende Konzepte gibt es schon, beispielsweise rund um Claus Sendlingers „SLOW Kosmos“ (sensibel, lokal, organisch, weise), teils mit Farm (biologisch-dynamisch bewirtschaftet), wo die Gäste ihre Kräuter fürs Frühstücksomelette oder den Kürbis für die Suppe selbst pflücken. Oder auch in dem von uns geplanten Hotel „Lindley Lindenberg“ in Frankfurt mit Kräuterraum und Kochlandschaften zur kollektiven Mitmach-Kulinarik.

Parallel gibt es aber auch noch den Trend zur Hybridisierung. Der Gastraum wird zum Coworking-Office, zum Barber, zum Shop, zum Selfie Spot, zum Partyraum. Diese räumliche Form der meist positiven Überbelegung bedarf innovativer experimentaler Gestaltung mit Liebe zu Multifunktionalität und Improvisation.

Ein weiterer Punkt ist die Renaissance des Kochens, die gerade erlebbar ist. Bis vor wenigen Wochen haben sich die Mahlzeiten der Arbeit angepasst – Stichwort Snackification. Nun, wo ein großer Teil der Bevölkerung im Homeoffice sitzt, wird das Essen wieder das, was es früher einmal war – ein Versorgungskochen und weniger Hobby – eine Struktur, die den Tag gliedert und das Gemeinschaft stabilisierende Kommunikationshighlight des Tages bildet.

Eine innovative Idee hierzu bietet jetzt ein Frankfurter Restaurant: „Margarete in deinen eigenen vier Wänden“. Dort werden Dinner-, Bistro- & Stammboxen angeboten, die frisch gekocht und fast fertig vorbereitet sind, sodass nur noch heißes Wasser und ein Ofen gebraucht werden. Per Lieferung oder Abholung kommt dann die individuelle Box auf Wunsch auch mit passendem Wein, Specials wie Trüffelöl und sogar einer Playlist für die passende musikalische Untermalung.

Schließen möchte ich gerne mit Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.

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