Im Fokus: Rum - Tiki-Trend und Marktausblick

Foto: Kawenzmann

Text/Interviews: Benjamin Brouer, Foto: Kawenzmann 

Er gehört unbestritten zu den großen Spirituosen-Klassikern schlechthin, der Rum. Sowohl pur als auch im Drink setzt er seit Jahrzehnten bis Jahrhunderten immer wieder Ausrufezeichen. Doch die Rum-Flamme, die brennt - sie ist eher eine beständige, flackernde und keine jäh auflodernde, wie man es etwa beim Gin in den letzten Jahren gesehen hat. "Rum besitzt die größte Bandbreite aller Spirituosen und die größte Aromenvielfalt", sagt etwa Christian Balke, Team Leader Leader Advocacy & Education bei Pernod Ricard Deutschland. Ist es vielleicht sogar diese kaum überschaubare Vielfalt, die einem größeren Hype entgegensteht? Wie sieht ein gastronomisches Umfeld aus, in dem die enorme Bandbreite an Rums optimal gespielt wird und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Tiki-Bewegung, die - deutet man die zarten Anzeichen richtig - langsam auch in Deutschland an Fahrt aufnimmt? Wir haben einige Vertreter der Spirituosenindiustrie um ihre Einschätzung gebeten. 

THEMA TIKI - geht da was?

Dennis Wolf, Trade Ambassador Bacardí Deutschland:
„Rum ist nach wie vor in der Barszene sehr präsent, da er ein essentieller Bestandteil ihrer DNA ist. Natürlich und vor allem auch in den Tiki‐Bars. Tiki-Bars sind definitiv eine großartige Spielart der Gastronomie, da sie ein ganz eigenes Lebensgefühl vermitteln. Sie stehen, im Gegensatz zu manch (zu) ernster Speakeasy-Bar und manchem Mixologen‐Tempel, für unbeschwerten Spaß am Glas. Meiner Meinung nach eine absolute Bereicherung, die den Rum als Star feiert.“

 

Christian Balke, Team Leader Advocacy & Education bei Pernod Ricard Deutschland:
"Eine Tiki-Bar ist natürlich toll, um einen Teil der Bandbreite und das Gefühl von Rum zu vermitteln. Allerdings kann man hier die höheren Qualitäten, die pur und evtl. zur Zigarre genossen werden sollten, eher schlecht kommunizieren. Das Gleiche gilt für Short-Drinks und elegante Cocktails. In der Tiki-Bar werden zumeist viele oder mehrere Zutaten verwendet, dazu häufig Säfte und Gewürze. Diese stellen den Rum oftmals in den Hintergrund. Auf der anderen Seite kann man gerade in Tiki-Bars tolle Emotionen spielen und Rum wirklich erlebbar machen. Verrückte Gläser und Tiki-Mugs, abgefahrene Dekorationen, verrückte Designs in der Inneneinrichtung, oder der Bartender, der als Entertainer fungiert. Beim Thema Tiki ist alles erlaubt und genau das ist es, was den Bartendern und Gästen zugleich Spaß macht. Der Spaß ist vielerorts in den Hintergrund geraten, viele Bars und Bartender fokussieren sich zu sehr auf sich selbst und nicht auf den Gast und auf die Unterhaltung. Umso wichtiger sind Tiki-Bars, die die Barlandschaft bunter machen und bereichern. Leider in Deutschland kaum der Fall, mit Ausnahmen von Bars wie Kawenzmann oder Blume von Hawaii."

 

Lukas Asbrand, Produktmanager Mount Gay, Diversa Spezialitäten GmbH:
"Natürlich gibt es nicht die optimale Gastronomie. Es gibt aber durchaus Punkte, die eine gute Gastronomie ausmachen. Eine gut abgestimmte Auswahl verschiedener Marken und Rum-Stile aus verschiedenen Ländern; gut geschultes Personal, das dem Gast beratend zur Seite steht; die Möglichkeit, den Rum sowohl pur als auch im Cocktail zu trinken. Tiki-Bars bedienen den aktuellen Trend zur Nische und Spezialisierung perfekt. Die Rückbesinnung auf klassische Tiki-Cocktails und ursprüngliche Rezepturen, Qualität statt Quantität und liebevoll gestaltete Räumlichkeiten machen die Bars zu einem tollen Erlebnis. Der Kawenzmann in Bamberg ist ein schönes Beispiel einer modern interpretierten Tiki-Bar mit lokalpatriotischem Einschlag."

 

THEMA RUM-MARKT - Herausforderungen und Chancen

Nicole Ehlen, Marketing-Direktorin Beam Suntory Deutschland:
"Die Herausforderung besteht aktuell vor allem darin, dass der Markt für Standard-Qualitäten angespannt und sogar leicht rückläufig ist. Konsumenten fragen stattdessen vor allem nach hochwertigen Produkten. Der Trend geht also zur Premiumisierung. Der bewusste Qualitätsgenuss steht im Fokus – dementsprechend sind die Kundenwünsche auch differenzierter und die Bereitschaft wächst, einen höheren Preis zu zahlen. Unsere Aufgabe ist es, diesem Bedarf nachzukommen. Das tun wir etwa mit unserem Premiumprodukt Brugal 1888. Das Besondere an ihm: die zweifache Lagerung. Denn er reift bis zu acht Jahre in ehemaligen Bourbon-Fässern sowie bis zu sechs Jahre in europäischen Sherry-Fässern. Dieser Reifeprozess verleiht ihm einen besonders kräftigen und vollmundigen Geschmack mit einer perfekt ausbalancierten, leichten Sherrysüße."

 

Christian Balke, Team Leader Advocacy & Education bei Pernod Ricard Deutschland:
"Rum besitzt die größte Bandbreite aller Spirituosen und die größte Aromenvielfalt. Das macht ihn zur optimalen Allround-Spirituose für alle Arten von Bars. Leichte Rums für frische Sommer-Drinks & Punches, dunkle Rums für elegante Klassiker wie El Presidente & Rum Manhattan, sowie die länger gereiften Premium-Qualitäten für die Hotellerie, Aficionados und speziellen Momente. Die Herausforderung ist es, einen Trend/Hype zu kreieren, von dem alle seit Jahren sprechen, der aber leider bis heute nicht wirklich passiert ist. Gin ist nach wie vor in aller Munde, Sherry & Wermuth sind im Kommen. Das liegt insbesondere an der Leichtigkeit und Einfachheit der Drinks. Mit Tonic oder Soda einfach zu mixen, auch zu Hause. Zudem teilweise Low-Proof und damit auch voll im Trend. Hier gilt es, einfache und innovative Verwendungsmöglichkeiten aufzuzeigen, z.B. auch im Bereich der Punches. Zudem besteht der Aspekt der Qualität und der Regulierungen in der Kategorie Rum. Immer noch sehr Rock ‘n‘ Roll ohne einheitliche Gesetzgebung oder Regulierung, zumindest bei den kleineren Rums & Brennereien. Hier ist der Whisky immer noch höher im Ansehen der Konsumenten, gerade in Hinsicht auf Age-Statement. Die weiter fortschreitende Premiumisierung wird auch dem Rum helfen, aus dem Schatten des Whiskys hervorzugehen und die Konsumenten dürfen sich auf hochwertige und qualitativ hervorragende Rums freuen."

 

Lukas Asbrand, Produktmanager Mount Gay, Diversa Spezialitäten GmbH:
"Die Aufklärung des Verbrauchers sollte im Vordergrund stehen. Es gibt aufgrund der Vielfalt noch enorm viel Wissen zu vermitteln. Themen sind beispielsweise: Rum-Stile, produzierende Länder, Produktionsmethoden, Zusätze, Etikettierung und einheitliche Standards."

 

Timo Lambrecht, Brand Development Manager Exklusivmarken beim Bremer Spirituosen Contor:
"Die größte Herausforderung, aber auch Chance ist die enorme Vielfalt von Rum und die doch recht freie Interpretation der Herstellung in manchen Ländern. Wo wir mit dem klassischen trockenen Rum doch eher die Connaisseure und Experten ansprechen, bieten uns die süßeren Rumsorten die Möglichkeit, ein Einsteigerpublikum zu erreichen. Und dieses Publikum können die Connaisseure von morgen sein."

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