Im Fokus: Streitkultur in der Gastronomie

Gegen die dicke Luft

Experten-Tipps für eine Streitkultur in der Gastronomie

Konkurrenzkampf, Neid, Missgunst, Stress und Zoff – lässt sich das alles vermeiden? Kann Streit auch produktiv sein? Und wie manage ich als Chef mein Team so, dass am Ende doch alles am Schnürchen läuft? fizzz hat drei Team-Experten gefragt.

 

 

Interviews: Jan-Peter Wulf


Andrea Grudda, Gastro-Trainerin und Beraterin, www.andreagrudda.de


Die Beziehung zwischen Chef und Arbeitnehmer ist wie eine Liebesbeziehung oder wie das Familienleben: dieselben Muster, dieselben Spielregeln. Wenn Menschen sich streiten – und sich dabei an die gängigen Spielregeln halten – ist ein Konflikt nicht prinzipiell schlecht. Das ist eine Form von Energie und Interesse: Hat man kein Interesse, streitet man sich auch nicht. Wichtig ist herauszufinden: Geht es hier wirklich um die Sache? Oder ist es nur ein Katalysator für eigentlich einen anderen Ärger? Das können dann auch Dinge wie verletzter Stolz, Eitelkeit, mangelnde Wertschätzung sein. Also: Geht es um ein Thema, das den Arbeitsplatz oder die Abläufe betrifft, ist es auch ein Thema für den Chef oder den direkten Vorgesetzten. Wenn ich merke: Da steht etwas zwischen mir und dem Team, dann sollte man sich fragen: Seit wann ist das so? Gab es einen Anlass oder Auslöser? Und sich dann fragen: Ist der Groll berechtigt oder nicht? Das sind dieselben Fragen, die man sich in jeder Beziehung stellt.

Aus Dingen, die den Mitarbeiter als private Person betreffen würden, muss man sich raus halten. Sonst hat man schnell Chaos. Das ist gerade bei kleinen Teams, die schon lange zusammenarbeiten, und auch bei Familienbetrieben keine einfache Sache. Zumal die Arbeitskollegen oft der Ersatz für das soziale Leben sind, wird hier oft zu viel vermischt. Als Chef sollte ein gesunder und freundlicher Abstand gepflegt werden. Geht es aber um prinzipielle Haltungen zu zwischenmenschlichen „no go’s“, muss man sofort Stellung beziehen. Wichtig: Der Gast darf nie etwas mitbekommen! Es sollte immer nur einen Ort geben, an dem man Konflikte bespricht. Außerhalb der Sicht- und Hörweite der anderen Mitarbeiter, nicht dort, wo sie sich sonst aufhalten, essen oder Pausenzeiten verbringen. Und: Moderatoren sind toll. Man sollte sie viel öfter bei Konflikten mit einbinden. So kommt man schneller zu Lösungen und kann vielleicht neu Brücken bauen, bevor Alte abgerissen werden. Für mich zeigt der Einsatz eines Moderators eine Form von Professionalität. Es muss nicht immer ein Profi sein – oft reicht schon eine Person, die von beiden Parteien geschätzt wird.

 


Klaus Kobjoll, Gastro-Coach und Gastronom („Schindlerhof“), www.kobjoll.de


 

Mir ist mal ein Buchtitel aufgefallen, der hieß „Konfliktfrei führen“. Das halte ich persönlich für unmöglich, genauso wie es unmöglich ist, konfliktfrei zusammenzuleben. Unternehmenskultur ist ein kollektives Bewusstsein, das für alle Beteiligten erlebbar sein muss. Es ist zu spüren, wenn im Betriebsklima (das heißt im Schindlerhof „Spaß-Sound“) etwas nicht stimmt. Möglicherweise schwelt der Konflikt zwischen Teammitgliedern und hat mit mir gar nichts zu tun. Mein Rezept ist das Gleiche, das ein Flugschüler zu hören bekäme: Don’t do anything drastic! Vielleicht lösen die Beteiligten das Problem zwischen sich selbst, und ein Eingreifen des Chefs verschlimmert nur alles. Ich gehe nur in ganz wenigen Fällen dazwischen, wenn es wirklich nicht anders geht. Bei aller Liebe zum „Bottom Up“-Führungsstil heißt es dann „Top Down“: Ich will es so haben. Basta! Wir brauchen in unserer kreativen Branche eine Streitkultur.

Winston Churchill sagte einmal: „Wenn zwei der gleichen Meinung sind, ist der eine überflüssig!“ Ich könnte mir viel Geld sparen, wäre ich nur von Führungskräften umgeben, die alle meiner Meinung sind. Bei Konflikten wird zuerst diskutiert. Das ist so wie Tischtennis spielen: Jeder haut dem anderen seine Top-Spins um die Ohren und will gewinnen. Fruchtbar wird es erst, wenn die Kontrahenten von der Diskussion zum Dialog kommen. Hier geht es dann nicht mehr darum zu gewinnen, sondern sich zu fragen: Was fehlt mir denn, dass ich es so sehen kann wie mein Kontrahent? Wichtig ist, sich nach einem Streit wieder in den Arm nehmen zu können. Sich auch als Chef mal für eine Überreaktion zu entschuldigen, nicht nachtragend zu sein. Wie gesagt: Konfliktfreies Führen gibt es nicht. 

 


Vanessa Koch, Gastro- und Motivations-Trainerin, www.vanessakoch-training.de


 

Erst einmal: Wir müssen als Chefs lernen, vertrauen zu können. Man darf Mitarbeitern nicht die Chance auf Erfolgserlebnisse nehmen. Erfolg erzeugt Motivation, eine positive Spirale, der Mitarbeiter wird zum Gastgeber, der auf seiner Bühne gerne von den Gästen beobachtet wird. Deswegen ist die Teamstimmung so entscheidend: Ist die schlecht, kommt die Hölle an den Tisch. Das Problem: Wir kriegen den Dialog zwischen Mitarbeiter und Gast am Tisch ja gar nicht mit! Deswegen brauchen wir gute Antennen: Gibt es einen Leistungsabfall? Wie sieht die Körpersprache aus? Gab es gar negatives Gästefeedback? Den Mitarbeiter im Gespräch bitte nie anklagen, sondern das Warum erfragen. Sonst blockt er ab. Wie kann ich ihm helfen? Was kann ich tun, damit es besser wird? Sorgen Sie dafür, dass sich alle Mitarbeiter stets an diese Regel halten: Spreche über einen Kollegen, der gerade nicht anwesend ist, immer so, als wäre er im Raum. Dann lernen die Mitarbeiter nicht nur, höflich zu bleiben, sondern auch, ihrem Kollegen etwas direkt ins Gesicht zu sagen. Dann kommt es raus, dann kann sich der Streit lösen.

Und wenn es so richtig dicke kommt: Trommeln Sie alle zusammen. Fragen Sie nach dem Problem. Erst wird keiner den Mund aufmachen. Das müssen Sie aushalten – würden Sie die Sache lösen, wäre das zu bequem, es führt nicht ins Reden. Lassen sie die Mitarbeiter streiten – die hat eine bessere Station, der bekommt mehr Trinkgeld als ich und so weiter. Halten Sie das Chaos aus. Irgendwann entsteht Klarheit – und dann gilt es, konstruktiv zu sein. Damit stärken Sie die interne Gesprächskultur. Und nochmal: Haben Sie Vertrauen in die Mitarbeiter. Wer sich für einen so extravaganten Job entscheidet, wie wir ihn in der Gastronomie ausüben, der kann auch Verantwortung für sich und sein eigenes Team tragen.

 

 

 

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