Im Fokus: Was tun bei Zahlungsengpässen?

Expertentipps bei Zahlungsengpässen und finan­ziellen Problemen

Expertentipps bei Zahlungsengpässen und finan­ziellen Problemen

Gründe für finanzielle Engpässe gibt es viele. Sie reichen von strukturell-konzeptuellen 
Fehlern über Nachlässigkeiten in der Kontrolle bis zu gänzlich unverschuldeten Situationsänderungen. Wie erkennt man als Gastronom, dass es knapp wird in der Kasse? Wie beugt man finanziellen Sorgen vor? Und was ist zu tun, wenn die Hütte brennt? FIZZZ hat Experten um ihren Rat gebeten.
 

Interviews: Jan-Peter Wulf


Thorsten Beck, Gründungsberater, Kassel

Gastrogründer, die in einen finanziellen Engpass geraten, sollten genau analysieren: Sind es Anlaufschwierigkeiten oder handelt es sich um ein dauerhaftes Geschäftsproblem? Für diese Analyse empfiehlt es sich, einen Berater hinzuzuholen – er hat einen neutraleren Blick als derjenige, der das Konzept entwickelt hat. Ist es ein temporäres Problem, kann zum Beispiel über die Bank nachfinanziert werden. Ansonsten muss das gesamte Konzept überdacht werden. Um gar nicht erst in solche Engpässe zu geraten, ist es wichtig, eine detaillierte Liquiditätsplanung für die Startphase zu erstellen. Dafür muss errechnet werden, wie hoch die Investitionen sind, welche einmaligen Kosten – HRB-Eintrag, Versicherungsvorauszahlung – und welche laufenden Betriebskosten wie Löhne, Ware und das eigene Gehalt auf das Unternehmen zukommen.

Hierbei werden mögliche Anlaufverluste mit eingeplant. Sodass, wenn hinreichend Reserven eingeplant sind, der Gründer erst einmal sicher durchfinanziert ist. Diese Liquiditätsplanung sollte monatlich aktualisiert werden! Im ersten Geschäftsjahr sind Verluste aufgrund der getätigten Investitionen nicht ungewöhnlich, somit werden oft noch keine Steuern und auch keine Vorauszahlungen fällig. Doch Vorsicht: Denn wenn das zweite Geschäftsjahr gut verlaufen ist, wird es am Anfang des dritten kritisch – das Finanzamt will Nachzahlungen für das zweite Jahr, eventuell für das ganze dritte eine Vorauszahlung und zusätzlich wird, wenn der Gründer eine Finanzierung in Anspruch genommen hat, nach zwei tilgungsfreien Jahren nun die erste Tilgung fällig. Diese Zahlungen müssen unbedingt im Voraus berücksichtigt werden.

 


Erich Nagl, Steuerberater bei der ETL Adhoga, Berlin

Untrügliches Warnsignal für einen finanziellen Engpass ist eine „Letzte Mahnung“. Sie hat dann nur selten etwas mit einem Versehen zu tun, sondern das Unternehmen befindet sich auf einem finanziellen Verschiebebahnhof: Bezahlt wird, wer am lautesten schreit, andere Verpflichtungen werden geschoben, bis wieder Geld auf dem Konto ist. Der Unternehmer könnte finanzielle Probleme jedoch relativ einfach bereits Wochen und Monate früher erkennen: Mit einer rollierenden Liquiditätsplanung kann sogar bis zu einem Jahr im Voraus erkannt werden, ob es eng wird. Befindet sich das Unternehmen in einer schwierigen Situation, gilt es, kühlen Kopf zu bewahren.

Eine sorgfältige Bestandsaufnahme anzufertigen wäre der erste, eine Liste der eigenen aktuellen Kontostände, Bargeldbestände und offenen Forderungen der zweite Schritt. Nachdem sich der Unternehmer einen Überblick verschafft hat, mit welchen Einnahmen er in nächster Zeit rechnen kann und welche Ausgaben ihm ins Haus stehen, sollte er damit zu seinem Steuer- oder Unternehmensberater gehen. Vier Augen sehen immer mehr! Aus dem Gespräch sollte sich eine Agenda für die nächsten Wochen ergeben, in der der Unternehmer angehalten ist, diszipliniert und akribisch an der Verbesserung der Situation zu arbeiten. Das ist bei einem grundsätzlich funktionierenden Geschäftsmodell in der Regel von Erfolg gekrönt. Wer die Rendite und Abverkäufe seines Unternehmens im Blick hat, dem kann eigentlich nicht viel Schlimmes passieren, und wenn doch, dann haben etablierte Unternehmen mit einem normalerweise gesunden Geschäftsbetrieb auch weniger Schwierigkeiten, temporäre Engpässe zu finanzieren. Die Fixkosten für drei Monate aus eigenen Mitteln decken zu können, lässt einen deutlich ruhiger schlafen. Übrigens: Ein häufiger Fehler in der Finanzplanung ist, keinen Plan zu haben, gefolgt von Selbstausbeutung durch zu niedrige Preise. Dem wollen wir jetzt auch mit der Veranstaltungsreihe www.preisstolz.de begegnen.

 


Oliver Reetz, Geschäftsführer einstein14 Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft, Schwentinental:

Der häufigste und leider oft auch fatalste Fehler ist, dass ein Unternehmer seine Zahlen nicht im Griff hat und dann auf andere, zusätzliche Probleme nicht oder nicht angemessen reagieren kann. Im Falle einer Zahlungsunfähigkeit können Rechnungen, Löhne, Lohnnebenkosten, Steuern etc. trotz Fälligkeit nicht bezahlt werden, weil schlicht das Geld dafür fehlt. Diese Situation ist, anders als die Überschuldung, eine auch ohne Studium der Zahlen für jeden erkennbare. Ich kann nur raten, sich umgehend externe und fachkundige Hilfe zu holen und neben einer betriebswirtschaftlichen Begleitung auch anwaltliche Hilfe. Je früher, desto größer die Chance einer Unternehmensrettung. Je detaillierter man sich die Gründe für die Schieflage ansieht, desto eher wird man erkennen, ob diese spezifisch oder allgemein sind.

Beispiel: Der stationäre Buchhandel in der Innenstadt hat aufgrund der rasant wachsenden Marktmacht von Amazon und Co. in Verbindung mit der Abwanderung von potentiellen Käufern aus den Innenstädten ein strukturelles Problem. Egal, wie gut man seine Kosten, sein Personal und sein Angebotsportfolio im Griff hat: Hier kann man im Grunde nur verlieren. Gegenbeispiel: Eine Gastronomie mit großem Außenbereich kann durch einen schlechten Sommer in finanzielle Schieflage geraten – hier würde man eher von einem überwindbaren, temporären Problem sprechen. Eine Unternehmensrettung oder -sanierung kann gute Aussichten auf Erfolg haben. Auch eine Insolvenz bedeutet nicht zwangsläufig das Ende eines Geschäfts. Das zeigen die vielen hundert Fälle, in denen wir Unternehmen trotz Insolvenz gerettet und wieder profitabel gemacht haben. Ich weiß, dass es für viele Unternehmer schwierig ist, sich das eigene „Scheitern“ einzugestehen und Hilfe anzunehmen. Die Situation verbessert sich jedoch nur in den seltensten Fällen durch Abwarten. 


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