Im Fokus: Wenn Bartender die Seiten wechseln...

Seiten gewechselt: Daniel Biernatowski
Biernatowskis neues Baby: Bachmann Likör

Was passiert eigentlich, wenn ein Barmann zur Industrie geht?
Daniel Biernatowski berichtet.

Bei aller Hingabe zum Barjob, zum Gast, zur Nacht habe ich mich doch stets gefragt, ob das alles ist, was den Sinn meines Schaffens ausmachen sollte. In den vergangenen Jahren habe ich vieles gewagt, aber stets um die Flasche herum. Welche Produkte passen als Drink zusammen, welches Produkt passt zu welchem Typ Gast, was macht das Produkt aus und wie kommt es überhaupt in die Flasche? Nun arbeite ich daran, wie die Flasche ins Regal kommt. Eine Vorstellung von dem, was mich erwarten würde, hatte ich im Bewerbungsgespräch nicht, als es hieß, ein Produkt zu reaktivieren. Wir fanden einen Weg, der das Unternehmen und mich jeweils einen Schritt nach vorne bringen könnte und wagten eine Zusammenarbeit. Ein Barmeister geht zur mittelständischen Spirituosenindustrie, einem 350 Jahre alten Kornproduzenten und Markenvertriebim Herzen Westfalens.

Seit Februar arbeite ich nun bei der Industrie und muss sagen: Sie tickt komplett anders als der Dienstleister Barbetrieb. Es ist eine wundervolle Herausforderung, da ich mit der Auffrischung der legendären, aber angestaubten Likörmarke „Bachmann“ betreut wurde. Im Lager fand ich alte Blechschilder, Windlichter und eine halbe Palette Pinnchen nebst einer sieben Jahre alten Messetheke – mein Startequipment! Hinzu kommt, dass ich null Außendiensterfahrung habe und vor Schüchternheit glänze, sobald ich keine schützende Bar um mich herum habe. Mittlerweile weiß ich, wie das Haus „Schwarze und Schlichte“ funktioniert, wie Strukturen aufgebaut sind, was meine Aufgaben und Möglichkeiten darin sind, und kann mich frei bewegen, Ideen anbringen, planen und umsetzen. Das erste Mal in meinem Leben habe ich ein zehnseitiges Budget aufgestellt, eine „Kunden-Potenzialliste“ mit bisher 600 Kontakten und einen Zeitstrahl erstellt, um Events, Promotions und Arbeitsziele zeitlich managen zu können. Ich habe Promotionausstattung ausgewählt, bemustern und bepreisen lassen, von Jacke bis Taschenhaken, und gehenun über Servietten, Kartenhalter, Wandtafeln und Gläser zur Zusammenstellung kompletter Gastropakete.

16 Jahre lang habe ich ja einfachschön auswählen können, was mir die Vertreter aus ihrem Kofferraum auf die Theke gestellthaben. Nun sitze ich selbst da und muss Dinge finden, die Visibility erzeugen und nicht im Lager oder bei Ebay landen. Zeitgleich fahre ich dreimal die Woche nach Dortmund, der Geburtsstadt von Bachmann,und tingele von Kneipe zu Bar zu Restaurant und versuche, den Gastronomen von diesem alten Leckerchen zu überzeugen. Dabei liegt meine größte Hemmschwelle an der dicken Eichentür der klassischen Kneipe, an der mittags drei Kerle sitzen und den Kneipier in seiner Meinung unterstützen. Einfacher habe ich es, wenn ich in eine schöne Bar komme und mit dem Barkeeper quatschen kann. Dann wird experimentiert und konzipiert. Auf Dauer möchte ich eine Bachmann-Truppe zusammenstellen, um Rezepte und Aktionen gemeinsam zu kreieren. Mittlerweile war ich in einigen Läden schon mehrfach, habe einen angenehmen Wiedererkennungswert als „Herr Bachmann“ und freue mich, wenn mir anfangs zögerliche Bartender erzählen, dass sie schon die dritte Flasche ordern mussten, weil das „Zeug“ sich super verkaufen lässt.

Aber ich vermisse das faszinierende Arbeiten hinter dezent beleuchteten Tresen, während der Gast seine Freizeit genießt, zu Musik und Gespräch. Vermisse es, auf Festivals zu „rocken“, während Kunden in Fünfer-Reihen vor der Theke stehen und Cocktails haben wollen. Die 20 Stundenschichten und den Haufen Trinkgeld. Das ist nun alles gesittet: 8.30 bis 17.30 Uhr, Montag bis Freitag, einmal im Monat gibt’s dafür ein Juniorgehalt auf mein Konto. Wer aber einen solchen Actionjob wie Bartender hatte, der braucht den Kick. Daher biete ich im Rahmen meines Angestelltenverhältnisses Dortmunder Veranstaltern meine Arbeitskraft an und darf im Gegenzug Bachmann promoten. Und da ist er wieder, der geliebte Klang von Bestellung, Shaker und Genuss nach einer gesitteten Arbeitswoche.

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