Interview: Daniel Kappes, Lawtechgroup, über Betriebsversicherungen

Daniel Kappes, Lawtechgroup Porträt

AI Litigation Funding – Lawtechgroup hilft Unternehmen auch bei Betriebsschließungs-versicherungen

Interview mit Daniel Kappes, Gründer und Geschäftsführer der Lawtechgroup

Lieber Herr Kappes, Ihr Unternehmen ist spezialisiert auf die Finanzierung von Rechtsstreitigkeiten («Litigation»). In welchen Bereichen sind Sie hier tätig?  

Der Markt der Finanzierung von Rechtsstreitigkeiten ist im englischen Sprachraum seit langem etabliert und international besser unter dem Begriff «Litigation» bekannt. Aktuell sind wir in Deutschland und Österreich als einer der erfolgreichsten Anbieter von Prozessfinanzierungen im Bereich Versicherungen aktiv. In Deutschland sind als attraktiver Teilmarkt zum Beispiel Millionen von Betriebsschließungs- und Betriebsunterbrechungsversicherungen betroffen.

Zahlreiche Versicherer verweigern leider oft die Leistung. Der Gang vor die Gerichte ist oft der letzte Weg, um an die versprochene Versicherungsleistung zu kommen. Dennoch scheuen Gastronomen oft den administrativen Aufwand, das Prozessrisiko und die damit verbundenen Kosten.

Wer dennoch den Gang zu den Gerichten wagt, ist sich oft der immensen Kostenrisiken bei einem Unterliegen nicht bewusst. Wer einen Prozess verliert, zahlt nicht nur seinen eigenen Anwalt, sondern auch den der Gegenseite und zusätzlich die gesamten Gerichtskosten. Manche Anwälte haben diesen Umstand nicht im Blick und raten schnell zur Klage. Das böse Erwachen kommt dann oftmals am Schluss.

Durch die „Lawtechgroup Prozesskostenfinanzierung“ wird dieses Risiko eliminiert. Hierbei gibt es eine starke Interessenkongruenz mit unseren Kunden, da wir nur im Erfolgsfall einen prozentualen Anteil an dem Mehrwert unserer Kunden erhalten. Bisher haben wir ca. 2.000 Prozesse geführt und davon fast 90 Prozent erfolgreich beendet. In der Regel werden die meisten Fälle außergerichtlich abgewickelt und üblicherweise dauert der gesamte Vorgang, je nach Komplexität, zwischen 3 und 24 Monaten. 

Durch unser adaptives Modell haben wir unsere Aktivitäten in den letzten Monaten um weitere Geschäftsfelder erweitert, wobei wir denken, dass unser Ansatz fast beliebig erweiterbar ist: 

- Wirecard AG-Schadenersatzansprüche: Aktuell prüfen wir über unsere Kooperationsanwälte intensiv mögliche Schadensersatzansprüche von betroffenen Aktionären der Wirecard AG und übernehmen die Finanzierung im KapMuG, als auch für Einzelklagen.

- Nutzungsentschädigung aus Lebensversicherungen: Die meisten Lebensversicherungen sind unrentabel. Wir erstreiten für unsere Kunden hohe Nutzungsentschädigungen, welche deutlich über den aktuellen Vertragswerten liegen.

Wie sehen Sie die Situation bei den Betriebsschließungsversicherungen?

Am Abend des 20. März 2020 wurde in Deutschland die Schließung der meisten Geschäfte beschlossen. Alle Geschäfte (insbesondere Restaurants, Bars, Nachtclubs, …) wurden geschlossen und viele Einrichtungen haben seitdem nicht wieder geöffnet. Laut dem Infektionsschutzgesetz (IfSG, früher Bundesseuchengesetz) gilt seit dem 30.01.2020 COVID-19 als Infektionskrankheit im Sinne dieses Gesetzes. Seitdem sollte eigentlich der Versicherungsschutz greifen. Es gibt eine Empfehlung, dass die Versicherer zwischen 10 und 15 Prozent der vereinbarten Tagessätze an die Versicherten zahlen sollen.

Aus unserer Sicht ist die o. g. Annahme falsch, da § 6 IfSG als Tatbestand diesen Passus enthält, ohne dass SARS-COV-2 explizit namentlich genannt werden muss. Zudem sollte der Fall einer behördlichen Schließung aufgrund gefährlicher Krankheiten gerade von einer solchen Versicherung erfasst sein. Nach unserer Meinung ist es nicht rechtmäßig, dass nur maximal 15 Prozent der vereinbarten Tagessätze gezahlt werden sollen. Entscheidend ist, ob eine generalpräventive, also allgemeine Betriebsschließung, ausdrücklich im Klein-gedruckten ausgeschlossen ist. Wenn nicht, sollten derartige Fälle mitversichert sein und dann müssten 100 Prozent der vereinbarten Tagessätze ausbezahlt werden.

Wir empfehlen betroffenen Unternehmen und Betrieben, welche sich gegen Betriebsschließungen oder -unterbrechungen versichert haben, die konkreten Versicherungsbedingungen unverbindlich und kostenlos durch die Kooperationsanwälte der Lawtechgroup sorgfältig prüfen zu lassen. Die meisten Versicherungen werden zunächst abweisend reagieren und jeden Fehler bei der Anmeldung sofort zu ihren Gunsten nutzen. lawtechgroup.de/betriebsschliessungsversicherung

Viele Gastronomen haben der Bayrischen Lösung zugestimmt. Wie stehen Sie dazu?

Auf Basis des zwischen einigen Versicherern, der Bayerischen Staatsregierung und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband e.V. (DEHOGA) Bayern ausgehandelten Kompromisses werden bundesweit Vergleichsangebote unterbreitet, die eine Zahlung von 10 bis 15 Prozent der eigentlich vereinbarten Versicherungsleistung vorsehen. Meiner Meinung nach ist die Lösung schlichtweg eine Ohrfeige in die Gesichter der existenzbedrohten Gastronomen. Zudem sind die 15% nicht interessengerecht.

Ich denke, dass der BGH hier noch zu Gunsten der Gastronomen Korrekturen vornehmen wird. Kurz gesagt, ist hier das letzte Wort noch nicht gesprochen, sodass Gastronomen, die sich der Bayrischen Lösung unterworfen haben, meiner Meinung nach noch auf den vollen Betrag hoffen können.

Sie arbeiten auch stark mit künstlicher Intelligenz (KI). Wie kann man sich das im Detail vorstellen? 

Wir sind mit unserem KI-Tool «RAYDATA360» zu einem der Pioniere in der KI-Prozesskostenfinanzierung geworden. Wir nennen das ganze «Predictive Analytics». Gemeint ist damit eine KI-Technologie in Zusammenhang mit der Finanzierung von Rechtsstreitigkeiten, die weltweit einzigartig zu sein scheint, basierend auf der Analyse von tausenden Daten aus dem Rechtssektor. Das ermöglicht es, Vorhersagen über den Ausgang eines Verfahrens treffen zu können. Als bekanntester Vertreter dieser technologischen Entwicklung ist vielleicht IBM Watson bekannt, welcher bekanntermaßen im amerikanischen Fernsehen die Quizshow «Jeopardy» gewann.

RAYDATA360 ist besonders nützlich in Bereichen wie Massenklagen im Versicherungsbereich. Es hilft uns beim Screening und dem Diligence Workflow der Ansprüche. Unsere eigene umfassende Datenbank über Versicherungsstreitigkeiten hilft uns, statistische Muster in Bezug auf Anwaltsvertretung, Timing, Fallergebnisse und Gerichtsentscheidungen zu prognostizieren. Im Kern gesagt, haben wir mit KI und RAYDATA360 einen tieferen Einblick in rechtliche Daten gewonnen, der es uns ermöglicht, Entscheidungen darüber zu treffen, welche Fälle finanziert werden sollen und welche nicht.

Durch das unternehmensinterne Data Mining, mit dem Aufbau einer großen Anzahl von Rechtsakten aus dem Bereich Versicherungs- und Kapitalanlagerecht, haben wir die Möglichkeiten für praktische sowie rechnerische Modelle von rechtlicher Relevanz in dieser eng zugänglichen Nische der Rechtsprechung geschaffen. Unser erstes Modell konnte durch mehr als 500 positive Verfahren mit einer Erfolgsquote von nahezu 91 Prozent validiert werden und wird prozessdynamisch der aktuellen Rechtsprechung durchgehend angepasst.

Was treibt Sie an gegen den Versicherer in die Bresche zu springen?

Ich komme selbst aus einer Gastronomie-Familie und kenne den Schmerz sowohl auf wirtschaftlicher als auch persönlicher Ebene. Auch deshalb werden wir weiterhin hunderte Klagen gegen Versicherer auf den Weg bringen und trotz Corona bis Jahresende durcharbeiten. Jeder Betrieb, der nicht überlebt, ist ein Stück Lebensqualität, was jedem Einzelnen verloren gehen wird, wenn wir nichts unternehmen. Das treibt mich an! 

Zur Person

Daniel Kappes, Founder & CEO, studierte Jura und int. Wirtschaftsrecht. Er ist Profi, wenn es um die Rechtsdurchsetzung in komplexen Massenverfahren geht. Der mehrfache Gründer von Firmen im Rechts- und Kapitalmarkt leitet die Lawtechgroup seit Gründung und hat mehr als 20.000 Rechtsstreitigkeiten in Massenverfahren begleitet.