Interview: Generation Z

Wie die ab 1990 Geborenen ticken und wie man sie als Gastronom gewinnt, erklärt Prof. Christian Scholz.

Interview: Jan-Peter Wulf

Nach der vielzitierten Generation Y, den Millennials, wird nun die Generation Z (geboren ab Anfang 1990) erwachsen und drängt auf den Arbeitsmarkt. Dort findet sie – zumindest hierzulande – viele freie Stellen und kann es sich deswegen bequemer machen als die Vorgängergeneration. Das stellt die Gastronomie vor neue Herausforderungen. Doch wer Verlässlichkeit und Strukturen bietet, der punktet, erklärt uns Prof. Christian Scholz, Inhaber des Lehrstuhls für Organisation, Personal- und Informationsmanagement der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.
 
Herr Scholz, was unterscheidet die Generation Z von der Generation Y?
Prof. Scholz: Die Generation Z ist in vielen Punkten total anders. So gibt es bei ihr viel weniger Wettbewerbsdenken und Karrierestreben als bei der Generation Y. Wir haben es hier mit dem größten Generationensprung überhaupt zu tun. Viel größer als zum Beispiel von der Generation X zu Y. 
 
Inwiefern?
Prof. Scholz: Hier kommt vieles zusammen. So erlebt die Generation Z in allen Schulformen massive Kleinteiligkeit und Strukturierung. An den Hochschulen verbindet man das mit der sogenannten Bologna-Reform (der Vereinheitlichung des europäischen Ausbildungswesens, Anm. d. Red.). Deshalb ist die Generation Z durch und durch an Vorgaben und detaillierte Stundenpläne gewöhnt. Und dann wird sie mehr als andere Generationen behütet. Das Ergebnis ist eine Generation Z, die man gut mit drei Stichworten beschreiben kann, nämlich Struktur, Sicherheit und Wohlfühlen. 
 
Welche Werte zeichnen diese Generation aus?
Prof. Scholz: Was sie nicht auszeichnet: Solidarität. Beispiel: Ein in einem IT-Unternehmen angestellter Z’ler lässt seinen Job schleifen und reicht dann die Kündigung ein. Eigentlich müssten dringend anstehende Projekte langsam fertig werden. Sie landen mit lächelnd-entschuldigendem Blick beim Kollegen. Generell bleibt viel liegen, weil Wochenende und Feierabend heilig sind. Arbeit und Beruf trennen die Z’ler scharf voneinander. Ein Work-Life-Blending als fließenden Übergang zwischen Beruf und Privat lehnt die Generation Z, anders als die Millennials, ab. Trotzdem ist sie durchaus leistungsbereit und sucht Sinn in der Arbeit. Aber: Sie will klar geregelte Arbeitszeiten. „Kannst du heute etwas länger machen?“ ist ein rotes Tuch für sie.
 
Das klingt düster für die Gastronomiebranche. Dort ändern sich Arbeitszeiten oft. Und länger arbeiten zu müssen, kommt auch häufig vor. 
Prof. Scholz: Es kommt darauf an, wie man sich darauf einstellt. Lassen Sie uns zwei Typen von Betrieben unterscheiden. Erstens die, die von sich selbst sagen: Wir sind ja so cool und hip, da erwarten wir auch von unseren Leuten, dass sie cool, hip und total flexibel sind, also ohne Murren jederzeit ihr Privatleben opfern. Zweitens gibt es die professionellen Betriebe, die vielleicht intern weniger cool und hip sind, dafür aber gut organisiert mit scharf definierten Dienstplänen. Das Schlüsselwort ist verlässliche Schichtplanung. Ich weiß, das klingt nicht sexy, aber: Wenn ich ihnen langfristige Planungssicherheit gebe, dann arbeiten auch die Z’ler mal länger oder später – aber eben nicht, wenn ich zehn Minuten vorher damit ankomme. Dann können sie sich nämlich nicht mehr nach der Arbeit mit ihren Freunden im Fitness-Studio treffen. Sie wollen ihre Freizeit – was aber nicht bedeutet, dass die Generation Z freizeitorientiert ist. Für sie sind das Berufsleben und das Privatleben gleichermaßen wichtig. Und deshalb braucht es gute Organisation.
 
Es gibt ja moderne Schichtplan-Software, mit denen sich solche Pläne den Wünschen entsprechend besser gestalten lassen …
Prof. Scholz: … aber Vorsicht: Derartige Programme wirken auf den ersten Blick bestechend. Daher gibt es ja immer mehr sogenannte Experten, die in ihrer Begrenztheit nichts anderes mehr kennen als digitale Personalsteuerung. Mit ihr kann ich über die IT auch den Schichtplan kurzfristig komplett umgestalten. Verlässlichkeit in der Schichtplanung hat also nicht mit einem Mehr an Digitalisierung zu tun. Im Gegenteil: Digitalisierung verführt dazu, Mitarbeiter durch kurzfristige Änderungen in Arbeit-auf-Abruf zu drängen. Es wird also nicht mehr langfristig geplant, sondern kurzfristig disponiert. Und genau das will die Generation Z in ihrer Suche nach Struktur, Sicherheit und Wohlfühlen nicht. Wenn diese Generation eher wenig solidarisch ist, wie gehen Gastronomen dann in Bezug auf ihr Team damit um?
 

"Die Generation Z braucht klare Ansagen."

 
Es geht in dieser Branche ja oft darum, sich auszuhelfen und zu unterstützen, zumal man großenteils wie auf einer Bühne vor und mit dem Gast arbeitet.
Prof. Scholz: Die Generation Z braucht eine sehr direkte Führung und klare Ansagen: „Du machst Tisch eins und zwei, du machst Tisch drei und vier.“ Leitbilder wie „Wir sind eine Familie“ haben bei den Y’lern gut funktioniert. Die Z’ler glauben nicht daran. Für sie ist der Beruf kein Familienersatz. Mit dem, was wir von Unternehmen wie Google gehört haben, also Sportangebote für Mitarbeiter oder nach der Arbeit gemeinsam essen, brauche ich der Generation Z überhaupt nicht zu kommen. Was für kleine Betriebe – also den meisten Gastronomien – eine wirklich gute Nachricht ist. Von Kleinunternehmen höre ich oft: „Ich kann als Arbeitgeber so tolle Sachen wie die Großen gar nicht bieten.“ Musst du auch nicht! Klein ist fein und berechenbar, strukturiert und durchschaubar. Genau darauf müssen diese Unternehmen abstellen. Und genau das müssen sie als ihre Stärke verkaufen.
 
Und was ist mit Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten? Selbstständigkeit in der Branche?
Prof. Scholz: Das ist der Generation Z nicht so wichtig wie der Vorgängergeneration. Wenn Selbstständigkeit, dann vorstrukturiert – Franchising zum Beispiel.
 
Welchen Tipp sollen wir den Gastronomen im Umgang mit dieser Generation geben? 
Prof. Scholz: Gastronomen sollten die Generation Z als extreme Chance betrachten, die eigentlich „nur“ richtig behandelt werden muss: Klare Strukturen bieten. Aufklären, also sich Z-kompatibel machen. Und darüber hinaus täten wir Nicht-Z’ler gut daran, uns ein paar Sachen für unser eigenes Leben und Arbeiten abzuschauen.

 
BUCHTIPP
„Die Generation Z. Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt“ von Christian Scholz. 220 Seiten, erschienen im Wiley Verlag. 2018 erschien sein neues Buch „Mogelpackung Work-Life-Blending. Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen“, das sich genau mit dem letzten Satz des Interviews beschäftigt. 
Mehr Informationen zum Thema unter www.die-generation-z.de.