Interview: Yumi Choi über zwölf Jahre im anstrengenden Café-Zirkus

Yumi Choi, Foto: Ben Fuchs

„Man muss resilient sein“

Einst führte sie mit „Bonanza Coffee“ die Third-Wave-Bewegung in Deutschland an, heute bietet sie Life-Business-Coaching für Café-Betreiber. Yumi Choi über kleine Schritte und große Herausforderungen, ihr Buch und zwölf Jahre im anstrengenden Café-Zirkus.

Interview: Benjamin Brouër, Fotos: Ben Fuchs

Yumi Choi stand an einer futuristisch aussehenden, chromglänzenden Slayer-Espressomaschine, auf einem Podest in Szene gesetzt wie ein wertvolles Museumsstück, und diskutierte mit ihren Kollegen über Luftfeuchtigkeit, Mahlgrade und viele andere Dinge, die ich damals noch nicht verstand. Es sind mehr als zehn Jahre her, dass wir uns das erste Mal begegneten. Das kleine Café „Bonanza Coffee Heroes“ in der Oderberger Straße in Berlin-Prenzlauer Berg war 2006 der vermutlich spannendste Kaffeeort Deutschlands, ein Insider-Tipp, heiß diskutiert im Kaffee-Netz, und, wie die Zeit zeigen sollte, die Wiege der Third-Wave-Bewegung.

So vieles war auf diesen wenigen Quadratmetern Ladenfläche anders als anderswo: die Sprache, das Design, die Leute – und ja, natürlich auch der Geschmack des Kaffees. Dass hier nicht die üblichen Gastronomen am Werk waren, sondern Designer, Künstler, Kaffee-Geeks aus Leidenschaft, das spürte man in jedem Detail. Mittendrin Yumi, damals schon das Sprachrohr dieser eingeschworenen Gemeinschaft. Eigentlich, so ihre Selbsteinschätzung, die „geborene Künstlerin“ – nach dem Kunststudium in den Niederlanden wollte sie sich in Berlin verwirklichen. Gastronomin aber, nein, das hatte sie keinesfalls auf dem Zettel. Es kam anders. Gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner, dem Niederländer Kiduk Reus, baute sie „Bonanza Coffee“ (so der spätere Name) zu einer der angesehensten Brands für Specialty Coffee in Europa aus.

Als Klimax, gleichzeitig als persönlicher Wendepunkt, sollte sich dann der Bau der Rösterei erweisen, „der Umzug von der minikleinen Location in den Palast“, gut zehn Jahre nach dem Start. Nach Etablierung des neuen Standorts und einer Auszeit kam Yumi zur Einsicht, dass die Firma nun ohne sie auf eigenen Beinen stehen kann. Die Verantwortung und die Anstrengung hatten Yumi über die Jahre in eine Rolle geführt, in der sie sich gefangen fühlte. Mit den wiederkehrenden Kräften kam dann der Wunsch auf zu gucken, „wer ich ohne Bonanza bin“.

Ein gutes Jahr ist es nun her, dass sie „Bonanza Coffee“ verließ und sich auf den Weg machte, um Antworten auf diese Frage zu finden. Viele Fortbildungen im Bereich des Coachings hat sie in der Zeit absolviert und gibt ihren mehr als prall gefüllten Erfahrungsschatz mittlerweile auch in eigenen Trainings an Leute im Coffeeshop-Business weiter. Vor allem aber hat sie die Zeit genutzt, um ein bemerkenswertes, kleines Buch namens „Das Coffee Shop Manifest“ zu schreiben, das jedem Café-Gründer als Startlektüre wärmstens empfohlen sei. „Ein praktischer, humorvoller und vor allem brutal ehrlicher Ratgeber für den angehenden Café-Entrepreneur“, so beschreibt es Yumis Gastro-Kollege Ansgar Oberholz („St. Oberholz“). Eigentlich ist es eine große Warnung – und am Ende dann doch eine Liebeserklärung an die Branche. Jedenfalls dann, wenn man es schafft, „sich wie ein freies Radikal“ um sein Geschäft herumzubewegen. Mehr als um Kaffee geht es in dem Ratgeber allerdings um das Mindset, um das, was Café-Betreiber heute mitbringen und leisten müssen, um zu bestehen: finanziell, physisch – und vor allem auch psychisch.

Warum ist dieses Mindset so entscheidend?
Es gibt Leute, die schimpfen ununterbrochen – über das Personal, über das Finanzamt, über sonst was. Und dann gibt es andere, denen der Laden abgebrannt ist und die dennoch positiv in die Zukunft gucken. Ich habe immer wieder erlebt, wie sich die innere Einstellung im Erfolg des Geschäfts widerspiegelt. Deshalb ist das Mindset so unglaublich wichtig.

Du vergleichst Gastronomen mit geschulten Akrobaten, mit Jongleuren, denen die Gäste immerzu neue Bälle zuwerfen...
Ja, du bist zumindest anfangs so in diesem Tagesgeflecht gefangen, hast ganz viele Tentakel und trägst als Mini-Häuptling zusätzlich für eine kleine Gruppe an Menschen Verantwortung. Ich sehe da einen großen Bedarf an Coaching.

Diesen Bedarf hattest du seinerzeit, als Ihr begonnen habt, vermutlich auch...
Vorher war ich eher eine Träumerin, und dann musste ich mich sehr stark mit der Realität auseinandersetzen. Dazu kam, dass wir recht bald schnell gewachsen sind. Ich hätte mir schneller einen Coach suchen müssen, der in seiner Entwicklung viel weiter ist als ich. Das habe ich nicht gehabt. Stattdessen habe ich mich mit Büchern weitergebildet. Spätestens, wenn du anfängst, mit Angestellten zu arbeiten, musst du dich aber weiterentwickeln, musst auf das nächste Level kommen. Im Endeffekt ist es eine Frage der Investition in dich selbst. Der langfristige Erfolg deines Unternehmens hängt von deiner persönlichen Weiterentwicklung ab. Oder auch davon, einfach mal 150 Euro für eine Stunde mit dem Steuerberater zu zahlen. Es sind kleine Veränderungen, die einen langfristig auf eine andere Spur bringen.

Womit hattest du am meisten zu kämpfen?
Sich mit dem System auseinandersetzen zu müssen, mit den Ämtern, den Vorschriften – das hat viel negative Energie reingebracht. Das ist auch der Bereich, der den meisten Gastronomen ein Gräuel ist, weil es ihrer kreativen Natur widerspricht. Dort ein gutes Fundament zu haben, ist aber wahnsinnig wichtig.

Bezug nehmend auf eine Methode von Eisenhower gibst du das Ziel aus, dass man sich als Chef um wichtige, aber nicht dringende Sachen kümmern muss, also nicht im Alltagsstrudel gefangen bleibt.
Ja, bei mir hat das allerdings auch drei bis fünf Jahre gedauert. Anfangs habe ich alles gemacht: von Putzfrau über Barista und Kaffee rösten bis Kaffee ausfahren. Man muss sich diese Freiheit in kleinen Schritten erkämpfen. Delegieren, andere Leute trainieren, sodass man nicht selbst die ganze Zeit im Laden stehen muss. Sachen dokumentieren, aufschreiben. Wir mussten sogar festhalten, dass man geduscht zur Arbeit kommen soll. Ich habe mich dann mit Produktivität auseinandergesetzt, weil ich selbst nicht hinterherkam. Ich bin ja eher ein chaotischer, intuitiver Mensch. Das funktioniert aber nicht, du musst Systeme haben. Nur dann gelingt es, den Betrieb von außen zu betrachten, Fehler zu sehen und Verbesserungen anzustoßen.

Von der romantischen Vorstellung des kleinen Cafés, in dem man den selbst gebackenen Kuchen verkauft und immer für seine Gäste da ist, sollte man sich also am besten schnell verabschieden?
Die Romantik des Kuchenbackens verfliegt ganz schnell, wenn man das eine Zeitlang gemacht hat. Da ist es doch zielführender, das Backen abzugeben, in großem Stil anzugehen und die Kuchen an Wholesale-Kunden, etwa andere Cafés der Stadt, zu verkaufen. Auf der Verpackung kann ja trotzdem ein Foto des backenden Besitzers sein. Man muss sich dieses schöne Gefühl, das man transportieren möchte, ja nicht wegnehmen lassen. Aber es ist eben nur ein Teil des Betriebs, der im besten Fall auch ohne dich laufen kann. Man darf nicht vergessen: Burn-out ist in der Branche stark im Kommen. Die meisten Gastronomen erlauben sich aber keine Pause – und dann kommen die Depressionen.

Was muss man heute als Person mitbringen, um in der Branche Erfolg haben zu können?
Man sollte resilient, also psychisch widerstandsfähig sein, überall das Positive sehen und willig sein, sich zu verändern. Und ganz wichtig: nicht zu stolz sein, um sich Hilfe zu holen. Das ist die Falle vieler Kleinunternehmer, die meinen, als König ihres kleinen Reiches alles zu wissen und alles alleine machen zu müssen. Es gibt immer Leute, die einem Tipps geben können.

Ist dies auch eine Geschlechterfrage?
Ich glaube eigentlich, dass Frauen die besseren Café-Besitzer sind, da sie eher das Ganze und den Organismus im Blick haben, auch nicht so ein großes Risiko fahren. Andererseits neigen sie stärker dazu, nicht loslassen zu können und sich zu überarbeiten. Sie sollten auch mutiger das Thema Wachstum angehen.

Die Kaffeebranche scheint immer noch viele, teils etwas blauäugige Seiteneinsteiger anzuziehen. Woran mangelt es den Gründern und ihren Konzepten meist?
Da sind zum einen die administrativen und steuerlichen Aspekte, die – wie gesagt – häufig nicht ordentlich geregelt sind. Wichtiger aber noch: Meist fehlt ein Wachstumsgedanke, ein höheres Ziel. Viele haben das nicht, machen ein kleines Café und damit ist dann Schluss. Es muss ja nicht immer der x-te Shop sein, aber es sollte ein Momentum nach vorne geben, beispielsweise im Lernen oder bei der Qualitätsverbesserung. Die Gründerpersönlichkeit muss dieses Momentum in sich tragen, den Drang, sich weiterzuentwickeln und an seinen Aufgaben zu wachsen. Gucken, was das nächste Level bringt.

Die Betreiber sind das eine, wichtig sind aber ja auch die Mitarbeiter. Wie schafft man für die Millennials, die neuen Arbeitskräfte, Werte, einen Benefit?
Indem du als Chef deutlich machst, für was du stehst und was du mit dem Laden erreichen willst. Indem man einen Ort schafft, an dem die Mitarbeiter nicht das Gefühl haben, ihre Zeit zu verschwenden, sondern in den Dienst einer guten Sache zu stellen. Wenn die Leute wählen können, wählen sie das, was ihnen Sinn vermittelt.

Zwölf Jahre lang hast du mit „Bonanza Coffee“ die deutsche Café-Szene geprägt. Was ist das Wichtigste, was du für dich mitgenommen hast?
Sich einfach Sachen zu trauen, sich immer weiterzuentwickeln und nicht stehen zu bleiben. Und: Man kann mehr schaffen, als man denkt.


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Wir verlosen 10 Exemplare unter allen Lesern, die uns bis zum 30. April 2020 eine Mail mit Namen und vollständiger Anschrift an barista@meininger.de senden.

Lust auf ein kostenloses Drei-Stunden-Coaching durch Yumi Choi? Dann sendet uns ebenfalls bis zum 30. April 2020 eine Mail an barista@meininger.de mit einer Begründung, warum Ihr das Coaching mit Yumi Choi verdient habt. Die Auswahl erfolgt durch die Redaktion.

Mehr Infos:
www.coffeeshopmanifest.com (Buch)
www.coffee-shop-business.com (Coaching)


Weiterbilden!

5 Buchempfehlungen von Yumi Choi zum Selbstcoaching

1) Stephen R. Covey: Die 7 Wege zur Effektivität (7 habits of highly effective people)
2) David Allen: Wie ich die Dinge geregelt kriege (Getting things done)
3) Tony Robbins: Das Robbins Power Prinzip (Awaken the giant within)
4) Peter Drucker: The Effective Executive – Effektivität und Handlungsfähigkeit in der Führungsrolle gewinnen (The Effective Executive)
5) Ray Dalio: Die Prinzipien des Erfolgs (Principles: Life and Work)


Dieser Artikel stammt aus der neuen Ausgabe des barista-Magazins, dem Magazin für Kaffeekult. 

Auf 68 Seiten bietet es jede Menge Trend-Input, einen Ausflug in das kaffeeverrückte Thailand, einen Blick auf das, was mit der Bohne beim Rösten passiert, Besuche bei neuen Kaffeekonzepten und, und, und.

Unsere Coverheldin ist Yumi Choi, die einst mit „Bonanza Coffee“ die Third-Wave-Bewegung in Deutschland anführte und heute Life-Business-Coaching für Café-Betreiber anbietet.    

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