Kommentar: Zu viel des Guten

Thürers Attacke

Eine Branche, die mehr als 900.000 Menschen eine Arbeit bietet, hat bei der Regierung als Job- und Konjunkturmotor einen dicken Stein im Brett – sollte man meinen. Doch für die Gastronomie gilt das nicht. Der fehlt es offenkundig an Lobby-Power, denn regelmäßig bekommt sie vom Gesetzgeber einen auf den Deckel. Nichtraucherschutz und Mindestlohn sind – für sich genommen zwar irgendwie zu rechtfertigen – schon dicke Brocken. Doch dazu gesellt sich nicht nur ein latent imagezerstörender Generalverdacht auf Steuerhinterziehung, aus Brüssel kommt Ende 2014 der nächste Hammer für die Gastronomie: die Kennzeichnungspflicht von in loser Ware enthaltenen, allergieverursachenden Stoffen.

Und die wird Folgen haben! Welcher Gastronom kann denn bitte all seine Zutaten immer zu 100 Prozent regelkonform kennzeichnen, wenn er nicht auf vorgefertigte, austauschbare Convenience zurückgreift? Dann ist Schluss mit regionaler, saisonaler Küche, Wochenkarten und Tagesgerichten. Den Erlebnisfaktor Restaurantbesuch kann man dann getrost vergessen – alles zum Wohle des Verbrauchers.

 

Alexander Thürer
Redaktion fizzz
thuerer@fizzz.de

Kommentare

Das es immer bunter wird und dass das von der EU kommt ist schon lange klar.
Die Herren haben ja anscheinend auch nichts anderes zu tun,wenn sie dann schon
mal da sind.
Auch bei der jetzigen Kennzeichnungspflicht muss ich mich immer wieder aufregen.
Meines Wissens gibt es keine KLARE Aussage, was was ist. In dem einen Lokal
ist die 1 für Farbstoff im nächsten steht die 1 wieder für ein anderes Mittelchen. Da wäre es dringend notwendig, dass, wenn man schon kennzeichnen
muss,dann bitte EINHEITLICH. Auch sollten dann die Kennzeichnungen auf der
Verpackung stehen, die ich einkaufe.
Das zum Thema "Kennzeichnen"
mfg
Jochen Singler

Eine Vereinheitlichung würde das Ganze sicherlich vereinfachen, bzw. nachvollziehbarer machen. Allerdings habe ich da so meine Zweifel, dass das tatsächlich umgesetzt wird. Doch selbst mit einer solchen klaren Einteilung wird das Tagesgeschäft für den Gastronom sich grundlegend ändern, da die Spontanität im Speisenangebot enorm eingschränkt wird. Oder haben Sie Lust und Zeit, bei jedem wechselnden Tagesessen auf jede Tafel oder jeden Karteneinleger immer akribisch alle allergieauslösenden Stoffe aufzuzählen, die Sie dazu vielleicht noch jeden Tag neu recherchieren müssen? Ich könnte verstehen, wenn Sie da zukünftig einfach nur noch die Standardkarte böten...

Spannend finde ich auch die weitere Entwicklung. Auf die ersten Klagen nicht richtig aufgeklärter Allergiker wird man wohl nicht lange warten müssen. Und wie sieht es mit den Getränken aus? Warum bei den Speisen mit der Deklarierungspflicht aufhören? Eine Liste mit Allergenen auf einer Barkarte macht sich doch sicher auch gut.

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