Zukunftsmanagement: Roundtable der Gastro-Netzwerker

Roundtable der Gastro-Netzwerker: James Ardinast, Madjid Djamegari, Kerstin Rapp-Schwan, Till Riekenbrauk

Kampfmodus

Die Gastronomie formiert sich, um den existenzbedrohenden wirtschaftlichen Beschränkungen, denen die Branche im Zuge der Corona-Krise ausgesetzt ist, entgegenzuwirken. Der einzige Weg: Eine starke Lobby.

Text: Barbara Becker

Beim Roundtable im Vorfeld der fizzz Awards 2020 in Düsseldorf sprachen die Spitzenvertreter der wichtigsten deutschen Gastro-Initiativen über den Kampf ihrer Netzwerke für die Zukunft der Branche. Die engagierten Unternehmer haben verstanden, dass ein gemeinschaftliches Vorgehen der richtige Weg ist. Es ist ein politisches Engagement, um endlich die dringend notwendige Lobby zu bilden und den Entscheidungsträgern auf Regierungsebene die Folgen ihrer Entscheidungen zu verdeutlichen. Den regionalen Netzwerken kommt dabei eine wachsende Bedeutung zu und sie haben die Herausforderung angenommen, diplomatische, politische und bei Bedarf auch juristische Wege zu gehen, um der enormen Behinderung ihres Wirtschaftssegments entgegenzutreten. Denn das Gastgewerbe hat viele gute Argumente auf seiner Seite, und erste Erfolge machen Mut, weiterzukämpfen.

Im Januar 2020 wurde die Interessensgemeinschaft Kölner Gastronomie (IG Gastro Köln) gegründet und sie hat schon einiges erreicht, wie der Vorsitzende Till Riekenbrauk berichten kann: „Sich auf kommunaler Ebene zusammenzuschließen, ist sehr sinnvoll, der Dehoga dreht größere Rädchen, statt die Kommunalpolitik zu beeinflussen. Wir werden ernst genommen und uns wird zugehört. In Köln wurden recht schnell – schon im Lockdown – die Parkplätze vor den Außenbereichen freigegeben, damit wir sie als Gastronomieplätze nutzen können, das hat vielen Betrieben den Allerwertesten gerettet.“

Die Ausweitung und Einhausung der Outdoor-Gastfläche mit Schutzwänden für den Winter ist leider kein Allheilmittel für die Branche, denn nicht jeder Gastronom hat das Glück, nutzbare Flächen vor der Tür zu haben. Und gerade in Büro-Lagen sind die Lokale wegen vieler Homeoffice-Regelungen mittags noch leer. Madjid Djamegari, Vorsitzender Initiative Gastronomie Frankfurt e.V, hat Zahlen mitgebracht: „In Frankfurt fehlen in der Stadt täglich bis zu 350.000 Menschen in Form von Pendlern, Touristen, Messegästen etc., das macht sich natürlich bemerkbar.“

DER PERSÖNLICHE DIALOG IST ENTSCHEIDEND

Noch gibt es für diese Probleme keine Lösungsansätze. Das persönliche Gespräch ist von zentraler Bedeutung, denn die Beamten sind mit der existenzbedrohenden Situation der Unternehmen oftmals schlicht nicht vertraut. Kerstin Rapp-Schwan, Inhaberin der Schwan Restaurants, Düsseldorf, Vorstand des Leaders Club Deutschland und der FBMA Food & Beverage Management Association: „Es gibt verantwortliche Entscheider, die unsere wirtschaftliche Situation leider wenig nachvollziehen können und möglicherweise aufgrund ihrer eigenen beruflichen Komfortzone die Existenzängste der Gastronomie nicht nachempfinden können. Dass sie auch noch aus Steuergeldern – auch aus den erzielten Gewinnen des Gastgewerbes – bezahlt werden, ist ein Schlag in die Magengrube der Unternehmer. Es ist wichtig, immer wieder auf unsere Situation aufmerksam zu machen, sonst besteht die Gefahr, dass zu wenig oder nichts passiert.“

Die schwere Zeit, da sind sich alle einig, wird der kommende Winter. Alle werden technisch aufrüsten, um den Gästen ein sicheres Umfeld zu bieten. Kerstin Rapp-Schwan: „Die Entwicklung hängt auch von der Stimmungsmache der Politik ab. Schürt sie die Angst der Gäste, oder nicht? Das ist den Verantwortlichen aber sehr bewusst, das habe ich in Berlin erfahren dürfen.“ 

Kerstin Schwan hat ihr Restaurant TÜV-zertifizieren lassen, als erster Betrieb in Deutschland. Das hat großen Anklang gefunden. Während in anderen Ländern, z. B. in Holland, der Besuch der Gastronomie aufgrund funktionierender Hygienekonzepte im Gegensatz zum Privatbereich eine Zeitlang sogar ausdrücklich empfohlen wurde, sieht das bei uns leider anders aus. Madjid Djamegari: „Die Argumente zum Schutz feiernder Jugendlicher vor Ansteckung sind klar auf unserer Seite, denn wir bieten bestmögliche Hygiene und Infektionsschutz. Es gibt zu viele private und illegale Partys, alleine in Frankfurt feiern jedes Wochenende mindestens 10.000 junge Menschen. Wir können viel bessere hygienische Bedingungen und die Nachverfolgbarkeit bieten. Die Menschen werden nicht aufs Feiern verzichten, und wenn sich das aufgrund geschlossener Clubs und Bars auf die private Ebene und in den Underground verlagert, wird das Ergebnis ein weiterer Anstieg der Inzidenz sein.“

TUE GUTES UND SPRICH DARÜBER

Das Vertrauen der Gäste ist ein zentraler Punkt für den Geschäftserfolg. Jeder einzelne Gastronom muss jetzt für positive Schlagzeilen sorgen. Motto: Tue Gutes und sprich darüber. James Ardinast: „Das Vertrauen wurde in den letzten Wochen bereits aufgebaut, den Gästen fällt auf, wenn Betreiber die Hygienevorgaben berücksichtigen, und ich bin sicher, dass das im Herbst und Winter auch belohnt wird, denn die Gäste stellen Vergleiche an zu Betrieben, die sich weniger daran halten.“

Wie passt das regionale Engagement zur Struktur des Branchenverbandes Dehoga? James Ardinast: „Am Anfang passte es gar nicht. Die Initiative Gastronomie Frankfurt gibt es seit vier Jahren. Wir haben sie damals ins Leben gerufen, weil wir uns nicht vertreten gefühlt haben vom Dehoga, was anfangs auch auf Konfrontation gestoßen ist, am Ende aber doch zum Dialog geführt hat. Inzwischen haben wir ein sehr gutes Verhältnis!“ Schließlich wurden die Vertreter der IG Frankfurt in den Landesverband bzw. Kreisverband gebeten. Trotzdem können sie auf dem politisch oft schwierigen Parkett lokal forscher auftreten als der Verband selbst. Eine gemeinsam mit dem Dehoga und der Vereinigung Frankfurt Hotel Alliance e.V. ins Leben gerufene Imagekampagne „Coole Branche“ ist inzwischen eine sehr erfolgreiche Kommunikationsplattform, auf der die drei Interessensvertretungen ihre Kräfte bündeln.

Auch Till Riekenbrauk hat in Köln inzwischen positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem Dehoga gemacht: „Unterm Strich verfolgen alle dieselben Ziele, wir haben den Vorteil, dass wir schneller sind. So haben wir z. B. im Sommer als Verband in Köln für zwei Wochen auf 2.000 Quadratmetern einen großen Biergarten eröffnet, um zu zeigen, dass so etwas unter hygienischen Gesichtspunkten möglich ist. Andere Veranstalter konnten mit Pop-up-Biergärten darauf aufsetzen. Es ist wichtig zu zeigen, dass etwas geht.“

Der proaktive Kontakt mit den Entscheidungsträgern ist das Gebot der Stunde. Madjid Djamegari: „Man muss sich auch wehren, das haben wir getan. Wir haben die hessische Landesregierung verklagt, als die erste Verordnung eine Maßgabe von fünf Quadratmetern Raum pro Gast vorsah. Wir haben einen Anwalt genommen und eine Normenkontrollklage im Eilverfahren eingereicht, was sehr viel Geld gekostet hat. Schlussendlich wurde die Verordnung, mit Sicherheit auch wegen der drohenden Niederlage vor Gericht, zwei Tage vor dem Urteil zurückgezogen. Man muss den Entscheidern klar machen, welche Folgen solche unreflektierten Entscheidungen haben. Man muss immer wieder zeigen, dass wir so nicht mit uns umgehen lassen, die Politik reagiert leider nur auf Druck.“

NEUE PERSPEKTIVEN FÜR DIE BRANCHE

Als Club-Betreiber gehört Madjid Djamegari darüber hinaus noch zu einem besonders beeinträchtigten Marktsegment: „Der Club ist seit dem 13. März 2020 geschlossen. Aber es gibt neue Hoffnung, denn wir konnten dem hessischen Wirtschaftsminister bei einem Ortstermin die Situation schildern, und da geht es nicht nur um Finanzen, sondern auch um Know-how und um Mitarbeiter, die die Branche verlassen. Wir haben dem Wirtschaftsminister unser neues Konzept vorgestellt, aus dem Gibson einen reinen Tisch-Club ohne Tanzfläche und für 430 statt 1.200 Personen zu machen. Wir haben alle relevanten Stellen mit einbezogen und positives Feedback bekommen. Die Verordnung des Betriebsverbotes von Clubs und Diskotheken soll jetzt verändert werden. Es soll Ausnahmen geben, und die werden zu Teilen anhand unseres Konzeptes definiert.“

Mit einem neuen Lüftungssystem und etwas Glück kann er im November vielleicht wieder öffnen. Wenn auch ganz anders als bisher: „Die Clubs müssen wieder aufmachen. Wir werden den Druck erhöhen. Tanzen ohne Maske wird es noch eine Zeitlang nicht geben, deshalb muss sich jeder darauf einstellen, sein Geschäftsmodell anzupassen. Wir haben viel Platz und eine zahlungskräftige Klientel. In Berlin gibt es wiederum viel Unterstützung für die Clubs, die dort als Kulturgut gesehen werden. Aber das ist nicht überall so, deshalb wird es ein Clubsterben geben und man muss sehen, wann und wie sich das Segment wieder regeneriert“, fasst Djamegari die Perspektive zusammen. „Und wir müssen uns alle breiter aufstellen.“ Er selbst hat in ein Restaurant und ein Sandwich-Konzept investiert. Für den Gibson Club sucht er eine große Außenfläche als Ergänzung.

Darüber hinaus sind alle Ideen willkommen, die die Situation verbessern. In Frankfurt und anderen Städten wollen Hotels nun der Gastronomie ihre brachliegenden Flächen für Pop-up-Konzepte zur Verfügung stellen, insbesondere für Betriebe, die nicht die Möglichkeit haben, ihre Außenflächen winterfest zu machen. Ein schönes Signal, dass es gemeinsam in die Zukunft geht.