Interview: Annika Taschinski über das Elbgold-Wachstum

Annika Taschinski, "Elbgold"

"Uns geht es nicht um Größe"

Annika Taschinski über das Wachstum ihrer Hamburger Kaffeemarke "Elbgold".   

fizzz: Seit 2004 gibt es eure Marke „Elbgold“. Gestartet seid ihr damals in Winterhude. Wie war die Anfangszeit?

Annika Taschinski: Die Idee zum „Elbgold“ ist sogar schon 1995 entstanden. 2004 haben wir das Unternehmen dann tatsächlich gegründet, indem wir den Laden selber renoviert haben und uns am 18. Dezember 2004 alleine reingestellt haben, nur Thomas und ich.

fizzz: Warum hat es zwischen Ideenfindung und Verwirklichung so lange gedauert?

Annika Taschinski: 1995 waren wir beide noch sehr jung, und manchmal dauert es eben etwas länger, bis man das Geld zusammengekratzt hat und sich seinen Traum verwirklichen kann. Wir haben uns auch gut auf die Sache vorbereitet, haben zu Hause geröstet, die Welt bereist und das Konzept dann irgendwann wieder aus der Schublade geholt. Den Entschluss haben wir in Mexiko am Strand gefällt. Von diesem Tag an hat es dann noch ein Jahr gedauert, bis wir den ersten Laden eröffnet haben.

fizzz: Was war euer Ziel mit dem „Elbgold“?

Annika Taschinski: Wir wollten von Beginn an eine Kaffeemarke für Hamburg machen, daher der Name „Elbgold“. Man hat in Hamburg in Bezug auf den Kaffee immer vom Gold der Elbe gesprochen, weil die Stadt der Hauptumschlagplatz für Rohkaffee war. Da haben wir uns gefragt, warum niemand eine Hamburger Kaffeemarke macht, die glücklich ist und die man mit wahnsinnig guter Qualität verbindet.

fizzz: Ein Café hattet ihr also gar nicht unbedingt im Blick?

Annika Taschinski: Nein, wir haben den ersten Laden in Winterhude eigentlich nur gemacht, damit man den Kaffee dort verkosten kann. Wir haben uns immer als Röster verstanden, die ein Produkt herstellen. Das war der Grundstein. Aber Winterhude hat sich natürlich gefreut, dass es endlich ein schönes neues Café auf der Ecke gab, und die Leute sind uns von Beginn an den Laden eingerannt. So hat sich das „Elbgold“ schnell zum Nachbarschaftscafé entwickelt.

fizzz: Mit welchen Folgen?

Annika Taschinski: Wir haben gemerkt, dass in dem kleinen Laden, wo so viele Leute ein- und ausgehen, die Kommunikation über das Thema Kaffee auf der Strecke bleibt. Außerdem hatten wir logistische Probleme, mussten den Rohkaffee immer in den Keller schleppen und wieder hochtragen. Thomas hat zuletzt sieben Tage die Woche geröstet. Unten kam der Röstkaffee aus dem 12-kg-Röster raus, oben kam der neue Rohkaffee rein. Kurzum: Wir brauchten einfach mehr Platz zum Rösten, wir brauchten mehr Platz, den Kaffee zu lagern, wir sind einfach aus dem Laden rausgeplatzt.

fizzz: Der Beginn des „Elbgold“-Wachstums…

Annika Taschinski: Ja, aber wir hatten keinen Master-Plan – und haben den auch heute noch nicht -, wir wollten einfach nur guten Kaffee machen. Es gab keine Vorstellung, mehr Läden machen zu wollen oder so. Es hat sich einfach entwickelt.

fizzz: 2010 kam dann der große Sprung mit der Location auf den Schanzenhöfen. Wie ist es dazu gekommen?

Annika Taschinski: Im Blick hatten wir eine Art Hinterhoflocation, irgendetwas, was versteckt ist, wo die Leute hinkommen, weil sie über das Thema Kaffee reden wollen. Die grüne Wiese sollte es aber auch nicht sein, denn wir wollen ja möglichst viele Menschen erreichen. Zwei Jahre lang hat es insgesamt gedauert, bis der Laden auf den Schanzenhöfen unter Dach und Fach war.

fizzz: Ein riesiger Laden, ein richtiger Flagship-Store…

Annika Taschinski: Eigentlich hätten wir lieber einen kleineren Laden gehabt, den gab es nur nicht. Der erste Laden in Winterhude hat gut 90 Quadratmeter, also suchten wir in etwa das Doppelte. Die zu vergebende Fläche auf den Schanzenhöfen hatte aber 400 Quadratmeter. Also sagten wir uns, dann müssen wir eben 400 Quadratmeter bespielen und die Bar wird eben eine Nummer größer. Recht schnell hatten wir die Idee, den Laden in der Mitte optisch zu teilen, in Produktion und Raum für Workshops einerseits, in Gastronomie andererseits. Für uns das ideale Konzept, um den Kaffee erlebbar zu machen und die Leute mitzunehmen. Diese Splittung entspricht übrigens auch unserer Aufgabenverteilung: Thomas macht die Produktion und den Kaffeeeinkauf, ist also viel unterwegs, und ich mache die Läden.

fizzz: Hattet Ihr bei dem Sprung in die große Location auch Bedenken?

Annika Taschinski: Klar, schließlich war das eine ganz neue Größenordnung für uns. Alle Dinge, die in dem Laden verbaut sind, zum Beispiel das Schüttensystem, sind Sonderanfertigungen, die mit viel Geld verbunden sind. Und die Finanzierung lief ganz normal über unsere Hausbank. Da fragst du dich natürlich schon, ob das gut geht. Aber wir hatten ja gar keine andere Wahl.

fizzz: Warum eigentlich nicht? Es gibt ja auch Unternehmer, die sich bewusst gegen ein Wachstum entscheiden. Was sprach bei Euch dagegen, klein zu bleiben?

Annika Taschinski: Ganz einfach – wir wollen den besten Kaffee anbieten, den man bekommen kann. Für uns läuft das nur über langfristige Beziehungen und direkten Handel mit den Farmern. Wenn du aber direkt kaufen und diese besonderen Qualitäten haben möchtest, brauchst du eine bestimmte Größe, sonst geht der Farmer gar nicht mit dir auf einen Direkthandel ein. Dann verkauft er den Kaffee eben nach Japan oder Skandinavien. Wir kaufen heute nicht mehr drei Säckchen, sondern holen den Kaffee containerweise nach Hamburg. Also haben wir mittlerweile ganz andere Möglichkeiten, mit den Farmern zusammenzuarbeiten und auch besondere Wünsche zu äußern. Das ist der eigentliche Grund, warum wir gewachsen sind. Und deswegen sind wir heute deutlich besser als vor zehn Jahren.

fizzz: Haben sich durch das Wachstum Eure Geschäftsfelder verändert?

Annika Taschinski: Wir gelten mittlerweile einfach als Kaffee-Experten und werden daher auch häufig für Beratungstätigkeiten angefragt. Etwa, wenn Sterne-Häuser ein Konzept brauchen, wie sie Brühkaffee am Tisch umsetzen können. Solche Projektberatungen in der Gastronomie sind sehr spannend, da wir als Botschafter für guten Kaffee agieren können. Durch unser Wachstum können wir auch Dinge ins Leben rufen wie unser Schulprojekt in Äthiopien. Gar nicht, weil wir viel drüber reden wollen, sondern einfach, weil wir die Möglichkeit haben, es zu tun. Das sind die großartigen Chancen, die sich durch ein Wachstum ergeben.

fizzz: Bis zum dritten „Elbgold“ in Eppendorf Ende 2014 hat es wieder eine Weile gedauert. Wie kam es zur dritten Eröffnung?

Annika Taschinski: Das kam einfach auf uns zu. Als uns der Laden angeboten wurde, haben wir uns grundsätzlich die Frage gestellt: Was wollen wir tun, wo wollen wir hin? Wir haben die Sache intensiv diskutiert, weil wir nicht ewig viele Läden an jeder Ecke haben möchten. Stattdessen ausgewählte Standorte und Vertriebswege, wo die Leute zu finden sind, die unseren Kaffee zu schätzen wissen. Dann haben wir uns gesagt: Wenn wir zwei Läden schaffen, dann schaffen wir auch drei. Interessanterweise geht das auch, aber spätestens ab dem Punkt muss man seine Strukturen ändern.

fizzz: Wie groß kann, wie groß soll „Elbgold“ werden?

Annika Taschinski: Wir haben mit dem, was wir grad machen, also unseren Läden, dem Beratungsthema, Caterings für ausgewählte Partner wie den NDR, definitiv genug zu tun. Wenn irgendetwas Spannendes kommen sollte, kann man uns davon immer begeistern, keine Frage. Deshalb sind wir auch Unternehmer, wir machen einfach gerne etwas. Aber es geht uns nicht um Größe oder Präsenz, uns geht es einzig und allein um die Qualität und wie man sie kontinuierlich steigern kann. Statt um Wachstum geht es bei uns aktuell vor allem um Lieferstrukturen. Wir holen unseren Kaffee ja bereits komplett selbst aus Lateinamerika, mit Afrika haben wir angefangen, und jetzt wäre es großartig, ein Projekt in Asien aufzubauen.

fizzz: Ganz persönlich – wie groß fühlt sich Eure Marke heute an?

Annika Taschinski: Ich sage zwar immer, dass es sich noch genauso anfühlt wie vor elf Jahren und dass ich die Dinge noch exakt so mache wie damals, aber natürlich ist es heute anders. Es ist ein anderes Unternehmen, und es sind mit heute 74 Mitarbeitern ganz andere Aufgaben als damals, als wir im Laden standen und Kaffee gemacht haben. Natürlich bin ich heute kaum noch an der Bar, obwohl das immer das Tollste war und am meisten Spaß gemacht hat. Dieses normale Nachbarschaftscafé sind wir eben nicht mehr. Jetzt planen wir mehr, organisieren und besprechen mehr. Bei der Größe, die wir erreicht haben, geht es nicht mehr darum, den Kaffee braun zu bekommen, sondern darum, die besten Kaffees der Welt zu bekommen. Das begeistert uns heute noch genauso wie 2004, als wir angefangen haben.

www.elbgold.com

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