Case Study: „We are Pinsa“, Hildesheim

We Are Pinsa, Hildesheim

Konzept, Look, Angebot und Aussichten – was taugt das „We are Pinsa“? Wir haben uns im frisch eröffneten Konzept der Gastro & Soul-Gruppe in Hildesheim umgeschaut.  

 

Das Konzept:

Mit „We are Pinsa“ präsentiert die Gastro & Soul-Gruppe rund um Delf Neumann und Dirk Meder ihren neuesten Konzeptentwurf. Der Pilotbetrieb hat Ende August in der Innenstadt Hildesheims, Heimat von Gastro & Soul, seine Türen geöffnet. Die dahinter stehende Food-Idee, basierend auf der Pinsa, der Urform der Pizza, jedoch wird schon etwas länger ausgetestet, und zwar als eine Art Food-Unit innerhalb des deutschlandweit etablierten Freestander-Konzeptes „Café del Sol“. Nun also der erste Vorstoß in Form eines eigenen Betriebstyps mit monothematischer Ausrichtung im Testmarkt Hildesheim – das Vorgehen zeugt abermals vom strategischen Geschick der Macher.


 

 

Das Produkt:

Die Ausdifferenzierung der global erfolgreichen Pizza-Kultur nahm vor einigen Jahren ihren Anfang mit dem Rückgriff auf die original neapolitanische Machart der Pizza. Der nächste Schritt führt noch tiefer in die Pizza-Historie. Die Pinsa Romana, quasi die Mutter aller Pizzen, soll der Legende nach ihren Ursprung im antiken Rom haben. Namentlich geht der Pizzafladen auf das lateinische Wort „pinsere“ zurück, was soviel wie „zerdrücken“ bedeutet. „Bauern zermalmten damals Gerste, Hirse und Dinkel zu einem besonders bekömmlichen Mehl und schufen so zusammen mit Kräutern und Salz den einzigartigen Teig der Pinsa“, heißt es auf der Website von „We are Pinsa“. An diesem Originalrezept orientieren sich die Macher in Hildesheim, stellen die Pinsa-Teiglinge selbst her und verwenden dafür nach eigenen Aussagen nur natürliche Zutaten wie Wasser, Weizen, Reismehl sowie Sauerteig, natives Olivenöl, Salz und frische Hefe. Dank einer Reifungszeit von bis zu 72 Stunden wird der Teig beim Backen im gut 340 Grad heißen Ofen außen schön knusprig und innen luftig. Die lange Reifungszeit sorgt außerdem dafür, dass der übliche Pizzakloß, das unangenehme Völlegefühl, ausbleibt. Dreizehn verschiedene Varianten stehen auf der Karte, von der Basisausstattung „Originale“ über Klassiker wie „Salame Piccante“ und „Serrano“ bis hin zu Specials wie „Avocado Salad“ und „Chicken Teriyaki“. Der Klassiker „Caprese“ besteht unseren Test, kann mit frischen Zutaten, toller Optik und auch einer guten Portion Schärfe punkten. Und noch ein Versprechen wird eingehalten: die Pinsa ist sättigend, ziemlich sogar, verursacht aber keinen schweren Magen. An den fluffigen Teig wird sich der eine oder andere dennoch erst gewöhnen müssen. 


Die Preise:

Die günstigste Pinsa „Originale“ kostet 6,95 Euro, die teuerste („Beef Broccoli“) schlägt mit 12,95 Euro zu Buche, im Schnitt ist man mit 10 bis 11 Euro dabei. Wer seine Pinsa darüberhinaus noch mit Toppings verfeinern will – 20 verschiedene stehen zur Auswahl – legt pro Topping noch einmal zwischen 1,50 Euro und 4,50 Euro drauf. Inwiefern die Toppings überhaupt nachgefragt werden, muss die Zeit zeigen, denn die festen Varianten sind bereits so üppig belegt, dass ein weiteres Topping wenig sinnvoll erscheint. Diese kommen wohl – wenn überhaupt – als individuelle Verfeinerung der „Originale“ in Frage. Auch ohne Topping liegt das Preisniveau also schon im höheren Bereich, allemal für ein an sich nicht sonderlich anspruchsvolles Produkt wie ein Pizzafladen. Die Pinsa als solche ist in ihrer hier präsentierten Größe allerdings auch mehr als ein Snack, sie geht als vollwertige Mahlzeit durch, was zugleich ein Nachteil sein könnte (siehe "Die Aussichten").  


 

Das Handling:

Bestellt wird an der Theke, geliefert an den Tisch. Eigentlich eine witzige Idee; die Gäste bekommen die Pinsa auf einem Holzbrett samt Schere serviert und sind aufgefordert, sich die Pinsa selbst in mundgerechte Stücke zu schneiden und aus der Hand zu essen. Letzteres, das zeigt unser Testbesuch, stößt aber bei allen Gästen schnell an seine Grenzen. Innerhalb kürzester Zeit fragt jeder Tisch nach ergänzendem Besteck – und Servietten. Denn anders als eine flache Pizza weist die Pinsa eine leichte Wölbung nach oben, ähnlich eines Luftkissens, auf, was dazu führt, dass die oben aufgelegten Zutaten beim Schneiden leicht herunterpurzeln. Dass sich in diesen Situationen zumindest eine Gabel und vielleicht auch eine Serviette bezahlt machen, wird wohl zu den ersten Learnings des frischen Konzeptes zählen.


Der Look:

Keep Calm Eat Pinsa, Good People Eat Pinsa, Please send more Pinsa, My blood type is Pinsa und so weiter – die Penetrierung des Namens mittels bunter Wandbilder zeigt, dass man wohl noch nicht von einer allgemeinen Produktbekanntheit ausgehen kann. Überhaupt geht es im „We are Pinsa“ recht plakativ zu. Satte Blau- und Rottöne bestimmen das Grundsetting, die italienischen Anleihen springen einen als Wandgestaltung nur so an: Martini, Tomatendosen, ein Espressokännchen, ein alter Fiat 500, ein Rennrad an der Wand – das sieht alles schick aus, wirkt aber auch etwas gewollt und kulissenhaft. Ebenso wie die Theke, die versucht, wie ein altes Apotheker-Kommodenmöbel auszusehen. Patina gleichwohl hat hier nichts. Am echtesten sind da noch die Kräuter in alten Konservendosen auf dem Tisch. Nichtsdestotrotz wirkt das Objekt freundlich und einladend – und wer erst einmal drin ist, wird vom Geruch des frisch gebackenen Teigs gefangen genommen.


 

Die Aussichten:

Dafür, dass „We are Pinsa“ kein Solo-Objekt bleiben soll, steht allein der Absender Gastro & Soul, der sich auf Systemgastronomie spezialisiert hat. Sollten die ersten Erfahrungen in Hildesheim positiv ausfallen, dürften schon bald weitere Outlets folgen. Fünf weitere Standorte sind wohl noch für dieses Jahr geplant, zwei davon in Nordrhein-Westfalen. Der Roll-Out im größeren Stil steht dann für 2021 an. Als Standorte sind wohl auch Bahnhöfe im Gespräch, so hört man. Die Frage nach der weiteren Expansion wirft unweigerlich die Frage auf: Was ist die Pinsa eigentlich? Ein Snack, eine vollwertige Mahlzeit? Aktuell definitiv Letzteres, sowohl was die Menge als auch was den Preis anbetrifft. Soll mit dem Konzept stärker ein Mittags- und/oder Unterwegs-Snack-Publikum angesprochen werden, so wären die Macher gut beraten, (zusätzlich) eine entsprechende Snack-Größe samt passendem Preis zwischen 5 und 8 Euro anzubieten. Aber selbst dann stellt sich noch eine weitere Frage: Wie Takeaway-fähig ist die Pinsa aufgrund ihrer eigenwilligen Form? So attraktiv das Produkt auf den ersten Blick auch wirken mag, so muss es seine Breitentauglichkeit erst noch in der Praxis beweisen.

 

We are Pinsa
Scheelenstraße 1
31134 Hildesheim
www.wearepinsa.de