"Die Kneipe kann nicht auf zwei Beinen stehen"

Klaus Hübenthal, Dehoga NRW

Klaus Hübenthal, Rechtsanwalt und Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Nordrhein-Westfalen e.V., über Fachkräftemangel, Kneipensterben und die dringlichsten Herausforderungen für das Gastgewerbe in NRW.

 

FIZZZ: Herr Hübenthal, Sie führen den größten deutschen Landesverband im DEHOGA mit rund 15.000 Unternehmerinnen und Unternehmern. Wie stellt sich die wirtschaftliche Situation für die Gastronomiebetriebe gegenwärtig dar?

Klaus Hübenthal: Rückblickend wie auch mit Blick auf das Sommerhalbjahr sind Bewertung wie Erwartung leicht negativ, wobei die Gastronomie etwas kritischer als die Hotellerie die Situation bewertet. Größtes Sorgenkind mit knapp 20% der Nennung sind bei der Hotellerie die Energiekosten gefolgt von 13,6% bei den allgemeinen Betriebskosten und gut 12% bei den Personalkosten. Bei der Gastronomie liegen Betriebs- und Energiekosten bei der Nennung mit 16% gleichauf, gefolgt von Personalkosten mit gut 12,9% und dem Rauchverbot mit 11,2% der Nennungen.
Die Investitionsbereitschaft ist weiterhin hoch in Hotellerie wie Gastronomie, allerdings liegen die Ausgaben in der Hotellerie noch höher, weil sie weiterhin vom reduzierten Mehrwertsteuersatz profitiert. Der Einführung des reduzierten Satzes in der Gastronomie hätte einen ähnlichen Effekt. Fair wäre es zudem.

 

FIZZZ: Was sind die größten Herausforderungen?

Klaus Hübenthal: Zwei große Themen kommen auf die Branche zu: Gelingt es zum einen auch in Zukunft, den Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften zu befriedigen? Der Kampf um den besten Nachwuchs ist branchenübergreifend längst entbrannt. Beim Lohnniveau wird das Gastgewerbe sicher nachlegen müssen – wozu auch eine Verkaufspreispflege unabdingbar gehört, aber fast noch wichtiger ist es, endlich das Leck zu schließen, durch das wir hervorragend ausgebildete Fachkräfte an andere Branchen verlieren. Der demografische Faktor führt dazu, dass wir auch bei größten Anstrengungen in der Nachwuchsgewinnung nicht mehr wie in früheren Jahren Nachwuchs so schnell heranführen können, wie wir ausbluten. 
Zum anderen verfolgen wir mit größter Aufmerksamkeit Strömungen in der Politik, die manche Lebensweisen gesetzlich sanktionieren, weil sie als „ungesund“ erkannt worden sind. Stichwort: Rauchverbot. Diese Bevormundungskultur kann auf die Spitze getrieben dazu führen, dass immer mehr Gäste zuhause bleiben, wo ihnen vielleicht der Partner, aber nicht der gesetzliche Zeigefinger droht. Gastronomie ist nun mal ein Raum, in dem jeder so sein darf, wie er ist und nicht wie er nach den Vorstellungen bestimmter Politiker am besten sein soll.

 

FIZZZ: Seit dem 1. Mai gibt es in NRW ein neues Gesetz zum Nichtraucherschutze, welche Folgen sehen Sie für das Gastgewerbe?

Klaus Hübenthal: Ganz unterschiedlich. Es gibt Betriebe, wo alles so bleibt, wie es ist, weil sie als Restaurant bereits rauchfrei waren. Es wird Verlierer geben – wie die Kneipe: Deren Geschäftsmodell mit den drei Beinen „Reden, Rauchen, Bier“ funktioniert nicht mehr, wenn wie jetzt passiert eines „weggeschlagen“ wird. Die Kneipe kann nun mal nicht auf zwei Beinen stehen. Schließlich wird es auch Gewinner geben, die ihren Umsatz mit den versprengten Gästen der am Markt ausgeschiedenen Betriebe erhöhen werden.
Insgesamt sehe ich allerdings (noch) nicht den von maßgeblichen Protagonisten der jetzigen Gesetzesregelung vorausgesagten großen Umsatzgewinn. Ich glaube nicht an die Hundertausenden von Nichtrauchern, die unsere nunmehr rauchfreien Betriebe „fluten“ werden. Dafür hatten die Nichtraucher ja bis zum 1. Mai ausreichend Möglichkeiten. In mehr als 80 Prozent der Betriebe gab es rauchfreie Angebote.

 

FIZZZ: Welche Möglichkeiten hat ein starker Landesverband, um für die Belange seiner Mitglieder zu kämpfen?

Klaus Hübenthal: Unsere Arbeit basiert auf drei Säulen: Politische Arbeit, also klassische Lobbyarbeit sowie Services wie Rechts- oder Betriebsberatung und geldwerte Vorteile für die Mitglieder. Bei der politischen Arbeit geht es um „faire“ Arbeits- und Rahmenbedingungen für die Branche: Verhinderung von Bettensteuern, angemessene GEMA-Tarife, ein fairer Interessenausgleich bei Transparenzfragen in Sachen Hygiene sind da exemplarisch zu nennen. Aber es geht auch um Wertschätzung in der Politik für Gastronomie und Hotellerie und den Tourismus insgesamt. NRW wird in weiten Teilen ja immer noch als klassische Industrieregion gedacht. Davon müssen wir nicht weg, aber eine Erweiterung ist mehr als notwendig. Ich glaube, da sind wir auch auf einem guten Weg.
Diesen Prozess begleiten wir seit Ende der 90er-Jahre ganz aktiv. Bereits mehrfach waren Branchenvertreter  auch Vorsitzende von Tourismus Nordrhein-Westfalen; der aktuelle Vorsitzende ist zugleich sogar DEHOGA NRW Präsident. Der Wirtschaftsfaktor Gastgewerbe spielt eine zunehmend größere Rolle, gerade in Sachen Jobs oder Ausbildung in ländlichen Regionen. Ein Verband ist in seinen Möglichkeiten aber auch immer nur so gut, wie stark und gut informiert seine Mitglieder sind. Wir sind nicht die Größten, aber häufig die Meisten. 700 ehrenamtliche Unternehmer, 15.000 Unternehmerinnen und Unternehmer – das sind gute Multiplikatoren. Und am Stammtisch und Theken wird ja immer noch Politik gemacht. Wirte haben zwar keine Trecker, mit denen sie Mist vor die Parlamentstore kippen können, aber Politiker müssen ja auch mal auswärts schlafen und essen gehen.

 

Kommentare

Liebe Redaktion, sehr geehrter Herr Hübenthal,
wie Sie in Ihrem Interview ja bereits erwähnen, werden die meisten Kneipen aussterben, welches sich dann auch in Ihrer Tarifpolitik mit der Verabschiedung des allgemeingültigen Tarifvertrages und dem damit anhängigen Mindestlohn auch für geringfügig Beschäftigte deutlich macht. Sie reden bei Restaurants und Hotels von Gewinnern und bei den in NRW wohl unstreitig zum Kulturgut gehörenden Kneipen vom Verlierern. Dadurch wird mir deutlich, dass Sie sich auch vermehrt für die Gewinner einsetzen und weniger für die vielen Verlierer, obwohl diese auch Ihren Beitrag und somit Ihr Gehalt mitfinanzieren. Zudem hat Ihr Verband bis heute weder in der Presse, noch auf Ihrer Homepage Ihren Mitgliedern klar und deutlich darauf hingewiesen, dass Aushilfen die gerade in der Gastronomie durch Stosszeiten unendbehrlich sind den Mindestlohn netto bekommen müssen, während die sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter diesen Brutto erhalten.Es ist doch sehr enttäuschend, wenn ein Verbandsvorsitzender nicht von neuen Möglichkeiten und Aufgaben spricht, sondern die tausenden von Kneipen in NRW einfach als Verlierer darstellt. Wir werden jedoch auch ohnen Rauch weiter für unsere Gäste eine wohlfühl Atmosphäre schaffen und unsere Aufgaben so angehen, dass wir weiterhin erfolgreich arbeiten können. Dieses setzt jedoch auch eine politische Auseinandersetzung voraus, damit auch wir einen reduzierten Steuersatz erhalten und somit gute Mitarbeiter gerecht bezahlen können und trotzdem die Preise moderat gestalten.
Sehr geehrter Herr Hübenthal überdenken Sie nochmals Ihre Aussagen über die sogenannten Verlierer. Ich fordere Sie hiermit auf sich für alle Mitglieder einzusetzen und nicht nur für Ihre sogenannten Gewinner.
Mit gastlichen Grüßen
Jörg Bluhm, Kornmarkt 2 in 46483 Wesel

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA